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	<title>Heidelberger Predigtforum &#187; Lazarus</title>
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		<title>Ruf ins Leben</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2009/09/ruf-ins-leben/</link>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 05:11:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Lazarus]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Predigttext haben wir soeben die biblische Erzählung von der Auferweckung des Lazarus gehört, eine Geschichte, die singulär im Neuen Testament ist, keine Parallele in den anderen Evangelien, bei den Synoptikern, hat. Eine Geschichte, die uns in eine fremde Welt führt, zeitlich und räumlich weit entfernt, fremd auch unserer heutigen Vorstellungswelt. Eine österliche Geschichte, an der Schwelle zur Passionserzählung - und das am Ende des Spätsommers!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Auf dem Weg</h4>
<p>Als Predigttext haben wir soeben die biblische Erzählung von der Auferweckung des Lazarus gehört, eine Geschichte, die singulär im Neuen Testament ist, keine Parallele in den anderen Evangelien, bei den Synoptikern, hat. Eine Geschichte, die uns in eine fremde Welt führt, zeitlich und räumlich weit entfernt, fremd auch unserer heutigen Vorstellungswelt. Eine österliche Geschichte, an der Schwelle zur Passionserzählung &#8211; und das am Ende des Spätsommers! Sie führt uns nach Bethanien, einem Ort, etwa 3 km entfernt von Jerusalem, östlich des Ölbergs, eine halbe Stunde Fußweg von der Stadt entfernt. Hier finden wir Jesus als den, der auf Bitten der Geschwister Marta und Maria von der anderen Jordanseite hierher kommt. Er war zuvor an dem Ort gewesen, an dem Johannes der Täufer getauft hatte, dem Ort des Beginns auch seiner eigenen Wirksamkeit; jetzt kehrt Jesus von der Taufstelle am Jordan nach Judäa zurück und bewegt sich Richtung Jerusalem, seiner letzten Lebensstation. Die Geschwister hatten nach ihm gesandt, um ihm Nachricht von der Krankheit ihres Bruders Lazarus zu geben, wohl in stiller Hoffnung, er könnte noch heilend eingreifen. Zwei Tage wartet er jedoch, bis er aufbricht; als er endlich in Bethanien ankommt, ist es bereits der vierte Tag seit dem Tod des Lazarus. Leiblich-realistisch, äußerst drastisch sagt es Marta im biblischen Text: „Herr, er stinkt schon!“ – Was soll da noch möglich sein? Jesus gibt Marta und Maria nicht das, was sie zu Anfang für Lazarus erhofft hatten – schnelle Heilung; er geht einen anderen Weg mit den Frauen, einen unerwarteten Weg: den Weg in den Tod und vom Tod zum Leben.</p>
<p>Der biblische Ort Bethanien heute: ein quirliger, arabischer Vorort Jerusalems. Verkehrsreich, laut, wilde Hupgeräusche liegen wie ein Klangteppich in der Luft, aber es gibt auch ruhige Flecken, stille Orte. Einer davon ist das Lazarusgrab, durch ein modernes arabisches Wohnhaus zu erreichen. Mit einer Taschenlampe in der Hand werden die Besucher über eine dunkle Treppe losgeschickt in das Gängesystem mehrerer dunkler Grabkammern untertage. Der lichtdurchflutete Sonnentag bleibt hinter uns zurück. Es ist ein uraltes Felsengrab aus der Zeit des zweiten Tempels, was den Besucher erwartet; die Ablagen für die Toten sind an den Wänden zu sehen. Ein wenig modrig und muffig ist es dort unten, feucht und kühl, irgendwie unheimlich mit dem Gedanken an all die Toten, die über Zeiten und Jahrhunderte hinweg hier bestattet worden sind.</p>
<h4>Trauerriten</h4>
<p>Aber die Bilder eines jüdischen Begräbnisses sind in diesem Moment da unten in dieser Grabhöhle lebendig und klar vor dem inneren Auge: Da ist der Leichnam, der nur in leinene Grabtücher gewickelt ist, die für alle gleich sind, denn in der kommenden Welt sind nach jüdischem Verständnis alle Menschen gleich, wenn sie vor ihrem Schöpfer stehen, unabhängig von Reichtum oder Armut – vor Gott gibt es keine Unterschiede. Da ist in der Vorstellung der Szenerie außerdem die Trauergesellschaft, die die weinenden Schwestern, besonders Maria, die innerlich wie gelähmt ist, nicht aus den Augen lässt, sie begleitet, sie trösten will. Wohl dem Menschen, der, wenn er in Trauer ist, solche fürsorglichen Begleiter hat, die für ihn da sind!</p>
<p>Wer selbst schon den Weg der Trauer um einen geliebten Menschen gegangen ist, weiß, wie wenig man in den ersten Zeit bei sich selber ist, essen und trinken vergisst, wie sehr ein Mensch dann auf äußere Fürsorge angewiesen ist. 7 Tage lang dauern nach jüdischer Sitte die ersten Trauertage, während derer man sich als trauernder Angehöriger nicht aus dem Haus bewegen darf, keiner Arbeit nachgehen muss und völlig befreit ist von der Erledigung der tagtäglichen Kleinigkeiten. Man sitzt „Schiwa“, sieben Tage lang, daher der hebräische Name. Die ersten beiden Tage nach der Beerdigung versammelt man sich innerhalb der engeren Familie, ohne dass Fremde anwesend sind, die nicht zur Familie gehören; später erweitert sich der Kreis. Tröstliche Anteilnahme wird gelebt nach der Grablegung der Verstorbenen, Solidarität in der psychischen Ausnahmezeit der Trauer, Mitaushalten, Sich Zeit nehmen für das Gedenken, Erinnern, Verarbeiten des erlebten Verlustes. Verwandte und Nachbarn bringen den Trauernden ihre erste Mahlzeit. Anklänge dieser Trauerriten finden wir bereits in biblischer Zeit. D.h. so ähnlich muss es sich auch bei Maria und Marta abgespielt haben, als sie um Lazarus trauerten, der wohl in einer ähnlichen Grabhöhle seine Ruhestätte fand, wie man sie heute in Bethanien, im arabischen Ostteil Jerusalems, zeigt.</p>
<p>Vom Weinen und Klagen der Schwestern und der Juden, die zu ihnen ins Haus gekommen waren, um sie zu trösten, erzählt uns das Johannesevangelium in beredter Schilderung. So ist die Lazarusgeschichte auch eine Geschichte der menschlichen Nähe, der Freundschaft und der Solidarität, eine echte Fürsorgeschichte. Und eine Beziehungsgeschichte, in der die Akteure miteinander verwoben sind, verbunden durch eine enge Bindung, verbunden durch Freundschaft und Liebe. Es ist eine liebevolle Beziehung, die die Schwestern mit ihrem Bruder Lazarus verbindet, dem sie verzweifelt helfen wollen. Erstaunlich oft fällt in dieser Geschichte auch sonst das Wort „Liebe“. Es heißt dort. „Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester rund Lazarus.“ (V.5). Marta und Maria appellieren an diese nahe, freundschaftliche Verbindung, wenn sie zu Jesus senden lassen mit den Worten: „Herr, siehe, der, den du liebhast, liegt krank.“ (V.3) Auch die Umstehenden erkennen an der spontanen Gefühlsregung Jesu am Grab: „Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt!“ (V.36) &#8211; Und trotzdem oder gerade deswegen: Vier Tage der Trauer lässt Jesus verstreichen, vier Tage der Wehklage und des erlebten Abschiedsschmerzes, vier Tage der intensiven Klage um den verstorbenen Bruder. Erst dann, am Punkt des intensivsten Verlustgefühls, ist für Jesus die Stunde gekommen, um zu handeln, vollmächtig zu handeln, lebensschaffend zu handeln, verwandelnd einzugreifen. So wie es im Lazarusgrab in Bethanien auf einer Tafel über dem innersten Grabeingang geschrieben steht: „Herrlichkeit Gottes sollen jene sehen, die in größter Not und Ausweglosigkeit Jesus Glauben schenken, gewiss, dass Er immer größer ist als jede Not, selbst größer als der Tod“.</p>
<h4>Liebe</h4>
<p>Es geht selbst an den tatsächlichen oder bloß vermeintlichen Stätten der Wirksamkeit Jesu nie bloß um historische Fakten oder Erkenntnisse. Die werden wir dort nicht finden. Schon gar nicht heute, wo das Menschengewoge und die Geschäftstüchtigkeit der Händler viele biblische Stätten so entstellen, dass sie keine Vorstellung mehr zulassen von dem, was sie symbolisieren wollen, in der Via dolorosa zum Beispiel. Worum geht es aber dann, wenn es nicht rein um historische Fakten geht? Es geht um Glauben, wie die Grabtafel in Bethanien sagt, um die Begegnung mit dem lebendigen, gegenwärtigen Christus, es geht um einen Bezug zu der mit ihm verbundenen Lebens- und Glaubensgeschichte, der wir in der Bibel und an den biblischen Stätten nahe sein können. Trotz allem historischen und zeitlichem Abstand &#8211; eigenartig nah und zugleich beeindruckend nah an den Fragen von uns heutigen Menschen sind die Aussagen auch der biblischen Wundergeschichten, die auf den ersten Blick weit entfernt und abseitig von uns heute zu sein scheinen, so auch die Aussage der Lazarusgeschichte. Es geht letztlich um die Offenbarung der Liebe Christi, die sich an seinem Freund Lazarus exemplarisch für alle Menschen offenbart. Und genau so will Jesus uns auch heute zum Glauben ermutigen, so wie er in biblischer Zeit Marta und Maria zum Glauben ermutigt hat. Er will uns die Herrlichkeit Gottes offenbaren, die in ihm ist und stärker ist als aller menschliche Schmerz und Verlust, sogar stärker als der Tod.</p>
<p>Dafür ist die Auferweckung des Lazarus, wie sie uns das Johannesevangelium erzählt, ein Symbol, ein Symbol der eigentlichen Glaubenserfahrung, die hinter dem Wunder erzählt wird. Jesus redet als der Offenbarer Gottes, er offenbart eine Wahrheit, die nur im Glauben erfasst werden kann. Das eigentliche Wunder in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ist also nicht das leibliche Weiterleben des Lazarus, sondern der Glaube, auf den alles abzielt. &#8211; Bis dahin, dass Jesus als Härtetest des Glaubens sogar zur trauernden Marta sagen kann: „Ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dagewesen bin, damit ihr glaubt.“ (V.15). Der Durchgang durch den Schmerz des Abschieds hat reinigende Funktion; erst danach ist ein versöhnter, glaubender Blick auf die menschliche Kondition des Lebens und Sterbens möglich. Auch das Ende der Geschichte bezieht sich explizit auf den Glauben als Ziel und Zweck der Lazarusgeschichte: „Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.“ (V.45) Es ist ein Glaube, der denen geschenkt wird, die ihn suchen, sich im Herzen von ihm bewegen lassen, so wie Marta, deren eindeutiges Christusbekenntnis zentral in der Mitte des Textes platziert ist: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ (V.27) Es ist ein Glaube, in dem Sterben und Tod auf-gehoben sind, im eschatologischen Sinn durch Christus verwandelt, „wesenlos“, wie der große Exeget Rudolf Bultmann in seinem Johanneskommentar zur Lazarusgeschichte über den glaubenden Menschen sagt: „Das Sterben ist für ihn wesenlos geworden. Denn Leben und Tod im menschlichen Sinne – das höchste Gut und der tiefste Schrecken – sind für ihn wesenlos geworden; er steht ja, sofern er den Offenbarer glaubend sieht, vor Gott selbst“.</p>
<h4>Ermutigung</h4>
<p>Was bedeutet das alles nun für unseren Umgang mit dem menschlichen Leben und mit dem menschlichen Tod? Wie kommen wir hinein in die Geschichte? Wie kommen wir heute darin vor? Eine mögliche Antwort: Das ist unsere christliche Hoffnung auch heute an allen Gräbern, an denen wir stehen, dass Jesus Christus für uns in der Auferstehung die Gabe des ewigen Lebens gewirkt hat, an der wir teilhaben dürfen. Er verkörpert dieses Leben als Gabe für den, der im Glauben lebt und damit in der Hoffnung der Auferstehung, so wie er in seinem Ich-bin-Wort, mitten im Predigttext, sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wir leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Es ist kein Zufall, dass gerade diese Worte Teil unserer christlichen Beerdigungsliturgie am Grab eines verstorbenen Mitbruders/einer verstorbenen Mitschwester sind. Es geht in der christlichen Verkündigung am Grab um Gottes eschatologische Möglichkeiten, die größer sind als unser begrenztes Denken und unsere menschlichen Möglichkeiten. Es geht um Gottes Gabe in Jesus Christus, die uns Leben schenkt; Leben, das das Gegenteil ist von leiblichem und geistlichem Nichtsein.</p>
<p>Die Lazarusgeschichte in ihrer Parallelität zur nachfolgenden Passionsgeschichte, ist eine österliche Geschichte. Sie wird uns vom Evangelisten Johannes in seinem Evangelium genau am Übergang zur Leidensgeschichte Jesu erzählt – sicher nicht per Zufall! Sie ist eine Vorwegnahme der Botschaft vom Ostermorgen, der Erfahrung der Frauen am Grab, namentlich der Maria von Magdala, die sagt: „Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“ Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist ein Bekenntnis zum Leben, zum neuen, verwandelten Leben im Licht der Auferstehung. Wie die Passionsgeschichte Jesu, ist auch die Lazarusgeschichte eine Neuschöpfungsgeschichte, eine Verherrlichungsgeschichte, eine Exodusgeschichte. Herausgerufen werden aus dem Tod ins Leben; hineingerufen werden in das Licht Gottes; die Erfahrung der Schöpferkraft Gottes machen, die neu schaffen kann, was verloren und untergegangen war, die den Tod verwandeln kann in neues Leben – alles das steckt symbolisch in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus.</p>
<p>Was ist der menschliche Tod? Traurige Realität allen menschlichen Lebens, ein letztes „Müssen“, dem keiner von uns als Mensch und sterbliches Geschöpf entgeht, aber nach christlichem Verständnis nicht endgültiges Aus und Vorbei. Gottes Geschichte geht in Jesus Christus weiter mit uns; auch an den Gräbern endet seine Liebe zu uns Menschen nicht einfach, sondern sie erweist sich gerade da als mächtig und stark, stärker als der Tod. Die Selbstprädikation Jesus Christi in der Lazarusgeschichte verheißt uns das, wenn er sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt.“ Ein Tausch, der nur im Glauben ergriffen werden kann. Die Anrede Jesu an Lazarus – sie gilt, immer wieder neu: „Lazarus, komm heraus!“ Herausgerufen werden zum Leben inmitten einer todverfallenen Welt. Das ist unser Protestwort als Christinnen und Christen gegen den Tod, den großen Zerstörer. Das ist unser Hoffnungswort, unser Verheißungswort, das uns Halt im Leben und im Sterben gibt. Wir sind nicht verloren in der Welt und auch nicht im Tod; keiner, der in Christus stirbt, ist verloren. Wenn wir uns den Ruf Jesus Christi aneignen im Glauben, wird Jesus bei uns verherrlicht und damit Gott selbst, denn für diese enge Gemeinschaft von Gott und Christus gilt, was Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30).</p>
<p>Die johanneischen Zirkelschlüsse sind oft mühsam zu verstehen, aber sie eröffnen uns eine Denkperspektive, die die Kraft aller Möglichkeiten Gottes in Jesus Christus offenbart: Tod und Leben; leibliches Nichtsein und der lichte Auferstehungsleib; Ohnmacht und Macht – es fügt sich alles zu einem Bild des Trostes und der Hoffnung im Glauben an das große Lebenswort, das Gott uns in Jesus Christus gegeben hat. In dieser Hoffnung dürfen wir leben; in dieser Hoffnung dürfen wir auch alle geborgen wissen, die uns im Tod schon vorausgegangen sind. Es braucht nur den Glauben, das ist die einzige Forderung, die Jesus stellt: „Habe ich dir nicht gesagt: wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (V.40) Diesen Sprung in den Glauben zu wagen, dazu lädt uns die Lazarusgeschichte ein, dieser österliche Text, der uns heute, an diesem Spätsommersonntag, als Predigttext aufgegeben war. Wir haben österliche Anklänge gehört mitten im problemgesättigten Alltag der Welt; hoffnungsvolle Perspektiven haben sich aufgetan inmitten der Todverfallenheit unserer Welt mit all dem Streit, den Kriegen, der Gewalt und Aggression; eine lichtvolle Botschaft ist an unser Ohr gekommen, die uns herausruft zu neuem, beherzten Leben im Vertrauen auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens und unseres Lebens. Hören wir auf diese Botschaft, geben wir ihr Raum in uns, dann wird sie uns Trost und Hoffnung geben für unser Leben jetzt und über die Grenze des irdischen Lebens hinweg. Wagen wir den Sprung! Folgen wir dem Ruf Jesus Christi – dem Ruf ins Leben.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Schreiende Armut – Mensch, wo bist du?</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Jun 2009 13:12:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Lazarus]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch]]></category>

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		<description><![CDATA[Kinder mögen die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus sehr gern! Sie erinnert an ein farbiges orientalisches Märchen. Sie spricht aber auch bei uns Erwachsenen tiefere Schichten unserer Seele an. Wir empfinden Mitleid mit dem armen Lazarus. Wir sind empört über den reichen Mann. Daß der eine im Himmel landet und der andere in der Hölle, entspricht sehr tief unserem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl. Aber nicht nur unser Gefühl stimmt dem Gleichnis Jesu zu.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Identifikationen – arm und reich</h4>
<p>Kinder mögen die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus sehr gern! Sie erinnert an ein farbiges orientalisches Märchen. Sie spricht aber auch bei uns Erwachsenen tiefere Schichten unserer Seele an. Wir empfinden Mitleid mit dem armen Lazarus. Wir sind empört über den reichen Mann. Daß der eine im Himmel landet und der andere in der Hölle, entspricht sehr tief unserem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl. Aber nicht nur unser Gefühl stimmt dem Gleichnis Jesu zu. Für Vernunftmenschen entspricht es dem moralischen Gottesbeweis: Unsere Vernunft rebelliert, daß gerechte und gute Menschen in dieser Welt oft ungerecht schwer leiden, daß sie am Rande stehen und früh sterben, während Reiche oft in Saus und Braus leben. Es muß einen gerechten Ausgleich geben für die leidenden Gutmenschen. Da es das in dieser Welt nicht gibt, muß es das ewige Leben geben. Weil nur ein ewiger Gott das garantieren kann, muß es Gott geben. Selbst einer der größten Anwälte der Vernunft in der Weltgeschichte, der Philosoph Immanuel Kant, hat in seiner Kritik der praktischen Vernunft in diesen Bahnen gedacht.</p>
<h4>Ungereimtheiten des Lebens</h4>
<p>Aus diesen Gründen kann sich jeder leidende anständige und gute Mensch auch heute mit dem armen Lazarus leicht identifizieren. Wer von uns hält sich im Grunde nicht für sehr anständig und hat schleppt doch ein Paket voll besonderer Leiden und Sorgen? Unter jedem Dach ein Ach, heißt es als Sprichwort. Wir liegen zwar nicht hungrig mit Geschwüren vor der Haustür eines Reichen wie Lazarus. Aber wie viele Wunden trägt unsere Seele? Sehr verbreitet ist ja bis heute, daß viele engagierte und gutmütige Idealisten in unserer Welt gekränkt werden! Wer von Vernunft spricht in unserer Welt, dem droht Verzweiflung. Wer von Nächstenliebe redet und sich einsetzt, dem droht Resignation. Wie oft haben wir uns engagiert für andere Menschen, für eine gute Sache oder für Jesus? Wie oft ging es auch daneben? Manchmal wurden wir belächelt oder sogar gekränkt. Schlechte Motivationen wie Narzißmus wurden uns hin und wieder unterstellt. Es kam vor, daß sogar befreundete Menschen uns an entscheidender Stelle in den Rücken fielen. Dagegen kennt jeder von uns auch reich bevorzugte und begabte Menschen. Ihnen fällt alles zu. Erfolge häufen sich bei ihnen an. Uns aber haben unsere Mißerfolge beim Einsatz für Gottes Reich ein Stück weit so gekränkt, daß manche kränkeln. Und da liegen wir mit unserer angeschlagenen Seelen wie Lazarus und freuen uns über jede freundliche Zuwendung. Ich denke, daß Lazarus sich sogar über die Zärtlichkeit gefreut hat mit der die Hunde mit ihrer treuen Seele seine kranke Haut ableckten.</p>
<h4>Lazarus heute</h4>
<p>Es geht aber nicht nur um Identifikation mit Lazarus und um unser Selbstmitleid. Dieses Gleichnis will uns – wie Jesus selbst – zu Bußpredigern machen! Denn das Elend der heutigen Lazarusse schreit zum Himmel! Ein Skandal ohne gleichen ist schon, daß es heute in Deutschland hungernde Kinder gibt. Daneben gibt es üppigen Reichtum und Verschwendung. Nicht nur in der westlichen Welt sondern auch in Rußland gibt es Hungernde und daneben nicht nur jede Menge Millionäre, sondern sogar Milliardäre. Man kann gar nicht laut genug gegen diese Ungerechtigkeit protestieren. Jede/r Christ/in sollte sich für mehr soziale Gerechtigkeit engagieren.</p>
<p>Das Problem ist aber noch viel globaler: Vor der Haustür von unserem wohlhabenden Europa liegt ein ganzer Kontinent voller Lazarusse: Afrika! Hunderttausende hungriger afrikanischer Mitmenschen würden gern in Europa überleben. Die entscheidende Lösung für sie wäre sicher Entwicklungshilfe und Spenden von Brot für die Welt und Misereor als Hilfe zur Selbsthilfe in ihrer Heimat. Aber dafür hat der reiche Mensch in Europa immer weniger Geld. Noch schlimmer ist, daß die Hungernden aus Afrika mit überladenen Booten übers Mittelmeer zu uns kommen wollen und zum Teil ertrinken. Der größte Skandal ist schließlich, daß Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel mit ihrem Humanitäts-Schiff Cap Anamur vor Gericht angeklagt sind. Sie haben als Lebensretter Flüchtlinge auf ihr Schiff genommen und nach Italien gebracht. Dafür droht ihnen jetzt von einem italienischem Gericht eine mehrjährige Gefängnisstrafe! Dagegen müssen wir Christen protestieren! Jeder sollte einfach einen ganz kurzen Protestbrief an das italienische Justizministerium schreiben (Adresse s.u.) Es ist total gegen Gottes Willen und jede Humanität, wenn jemand bestraft wird, weil er einen Lazarus in ein Lazarett bringen wollte!</p>
<h4>Persönlich angefragt</h4>
<p>Wir Menschen in Europa leben bisher trotz der Finanzkrise ein Stück weit wie der reiche Mann im Gleichnis. Die Spitze des Gleichnisses aber ist die Anfrage an jede/n einzelne/n von uns: Bin ich bin nicht womöglich selbst ein Reicher? Reichtum hat ja viele Gesichter. Wer Millionär ist, aber keinen Menschen hat, der ihn liebt, ist arm. Wer lieben kann und geliebt wird, ist reich. Ein Vorspiel der ewigen Hölle ist bei vielen Reichen sicher das Mißtrauen, daß sie nie sicher sein können, ob sie nicht nur ihres Geldes willen geliebt werden. Einem Reichen ist die Hölle der Angst nicht fremd, leider mißtrauisch sein zu müssen. Wenn Du selbst gewiß bist, daß Du geliebt wirst, bist Du reich! Reich bist Du auch, wenn Du gebildet bist! Viele Christen sind bei uns ja auch durch die Kirche emotional gebildet. Sie haben Herzensbildung, aber auch Tiefsinn, Durchblick und Überblick und inneren Halt! Als Sohn intelligenter und tüchtiger Eltern nur mit Dorfschulabschluß und mit selbst aufgebauter Firma ist mir persönlich schon vom Kindergottesdienst an im Christentum ein unglaublicher geistiger Reichtum begegnet. An emotionalem Tiefsinn übersteigt er gewöhnlich das, was man sonst liest und aufgeschlossen studiert. Auch darin gehören wir Christen in unserer Welt zu den Reichen!</p>
<h4>“Brot des Lebens“ geben</h4>
<p>Das Gleichnis will uns ernsthaft umkrempeln, daß wir immer wieder neu von unseren Gaben, von unserem finanziellen Wohlstand aber auch von unseren Begabungen etwas abgeben. Wenn wir uns heute für Lazarus engagieren, tut sich schon ein Stück vom Himmel auf! Sehr bewegt hat mich zum Beispiel, daß ein von mir verehrter, fast genialer Pastor und Uni-Dozent für Pastoral-Psychologie nach der Pensionierung jetzt jede Woche Kindergarten-Kindern Geschichten aus dem reichen Schatz der Kirche vorliest und erzählt. Wer seelsorgerlich begabt ist, kann die vielen seelisch angeschlagenen Lazarusse unter uns heute ermutigen. Jeder von uns hat Möglichkeiten, den Bedürftigen in der Nachbarschaft zu helfen. Jeder sollte sich fragen: Wer ist mein Lazarus, den mir Gott an den Weg gestellt hat? Wem fehlt etwas, was mir Gott schon geschenkt hat? Vielleicht bist Du begabt, charmant, klug, belesen, umgänglich, bei anderen Menschen beliebt. Vielleicht kannst Du Gruppen schwieriger oder streitbarer Menschen gut zusammenhalten, ihnen neue Ideen schenken, ihr Leben ordnen? Vielleicht hast Du einen tiefen Glauben an Gott und kannst Gottvertrauen verbreiten? Von all dem kannst Du den Lazarussen etwas schenken! Ein Vorgeschmack der Hölle ist dagegen ja in unserer Zeit, wenn manche Reichen, Schönen, Begabten und Gebildeten immer nur unter sich bleiben und hohle Gespräche führen. In einem von den Berufen her sehr gemischten Männerkreis unserer Gemeinde tauchte ein Studierter auf und sagte: Ich habe mit Kirche eigentlich nicht so besonders viel im Sinn. Aber ich kann das hohle Party-Gequatsche von rational sehr intelligenten Mitmenschen ohne emotionale Herzensbildung über Urlaubsziele und Sonderangebote und Geldanlagen und Ähnlichem einfach nicht mehr ertragen! Ihr aber macht Euch immer wieder viele Gedanken über Sinn und Nächstenliebe, Halt und Hoffnung! – Wenn wir mit unseren persönlichen Möglichkeiten den Menschen vor unserer Tür etwas Materielles, aber besonders auch was Geistiges schenken, geben wir ihnen so etwas wie das Brot des Lebens! Wie Jesus selbst handeln wir dann und folgen Jesus nach. Öffne also Deine Tür und schau nach, welcher Lazarus da liegt!</p>
<h4>Wahrer Reichtum</h4>
<p>Wenn wir zu Jesus gehören, werden wir wie Lazarus nach diesem Leben in Gottes ewigem Reich aufgenommen! Bußpredigten wie diese sind dann nicht mehr nötig. Alle Pastoren/innen werden dort arbeitslos, aber auch alle Menschen, die helfen und heilen. Alle Musiker/innen und Sänger/innen kommen erst recht in Schwung. Wir alle werden zum Musizieren und Singen mit den Engeln und Mozart und Louis Armstrong eingeladen. Gott selbst trocknet alle Tränen. Auch Abraham werden wir nach dem Gleichnis dort treffen. Am meisten liegt mir daran, mit Jesus zu leben und in seiner Nähe mit lieben Menschen zu sprechen und mit Paulus, Franz von Assisi, Teilhard de Chardin und Sokrates. Wir werden uns auch mit denen verstehen, mit denen wir bisher Schwierigkeiten haben. Nach Lust und Laune können wir auch weiter mit den vertrauten Menschen sprechen, diskutieren und scherzen. Wir werden alle sehr reich sein! Denn wer geliebt wird und lieben kann, ist reich!</p>
<p>Amen.</p>
<p><em>Kapitän Schmidt ist übrigens Mitglied des Männerkreises der Evangelischen St.Stephanus-Gemeinde in Lübeck. Wenn Sie gegen eine Bestrafung von Kapitän Schmidt und Elias Bierdel protestieren wollen, schreiben Sie einen kurzen Text an:</em><br />
II Ministro della Giustizia<br />
Angelino Alfano<br />
Via Arenula 70<br />
00186 ROMA<br />
Italia</p>
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