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	<title>Heidelberger Predigtforum &#187; Kirche</title>
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		<title>Gottes Haus &#8211; Als Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Aug 2009 17:12:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[bestehen]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Israelsonntag]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
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		<description><![CDATA[Es war der letzte Schultag, eineinhalb Wochen ist es her. Am Nachmittag haben Jugendliche in Ettlingen das Mahnmal zum Gedenken der Deportierten im Rosengarten enthüllt. Nicht nur aus der Stadt Ettlingen waren Menschen gekommen. Nicht nur Vertreter der Kirchen. Wir konnten David Seldner begrüßen, den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Karlsruhe, und Solange Rosenberg, die jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es waren nicht einmal die einzigen jüdischen Menschen bei der Aufstellung, sie alle erwiesen uns mit ihrer Anwesenheit eine große Würdigung. Auch deshalb, weil nach dem Festakt die Gedanken gleich schon wieder weiterführten: Am selben Abend begann der Feiertag des 9. Tages im Monat Av des jüdischen Kalenders, der Gedenktag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Erinnern</h4>
<p>Es war der letzte Schultag, eineinhalb Wochen ist es her. Am Nachmittag haben Jugendliche in Ettlingen das Mahnmal zum Gedenken der Deportierten im Rosengarten enthüllt. Nicht nur aus der Stadt Ettlingen waren Menschen gekommen. Nicht nur Vertreter der Kirchen. Wir konnten David Seldner begrüßen, den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Karlsruhe, und Solange Rosenberg, die jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es waren nicht einmal die einzigen jüdischen Menschen bei der Aufstellung, sie alle erwiesen uns mit ihrer Anwesenheit eine große Würdigung. Auch deshalb, weil nach dem Festakt die Gedanken gleich schon wieder weiterführten: Am selben Abend begann der Feiertag des 9. Tages im Monat Av des jüdischen Kalenders, der Gedenktag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Eben jenes Tempels, den auch Jesus noch erlebt hat &#8211; der Überlieferung nach wurde er am selben Tag zerstört wie das Vorgängerheiligtum, jener Tempel, den Salomo gebaut hat. Was hatte Milena, eine der Jugendlichen, an jenem Nachmittag über ihre Fliese am Mahnmal gesagt: „Die Tränen stellen die Trauer dar“.</p>
<p>Mit dem neunten Av stand eben für die jüdischen Menschen in unserem Kreis ein Tag der Trauer und der Klage gerade unmittelbar bevor, ein Fastentag, an dem mit dem Gedenken an die Zerstörung der Tempel auch die Zerstörung von Synagogen in all den Jahrhunderten seither gegenwärtig ist, die Zerstörung jüdischen Lebens in Europa und darüber hinaus. Mit der Trauer waren auch viele der Fragen präsent, Fragen nach Ursachen und Gründen der Zerstörung, nach Anlässen und Wirkungen, nach Schuld und Verantwortung. Aber in den Synagogen in Karlsruhe, in Heidelberg, in Konstanz und Freiburg und überall auf der Welt war auch von Hoffnung die Rede, von Trost und Gottes beständiger Begleitung. Dies alles wurde in den Predigten, den biblischen Lesungen, in den Liedern und Gesprächen gegenwärtig. Hören wir, wie der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus den Tag der Zerstörung im Jahre 70 der Zeitrechnung, im Jahre 70 nach Christus, beschreibt:</p>
<p>„Während der Tempel brannte, raubten die Soldaten, was sie fanden und töteten, die ihnen in die Hände fielen. Kein Erbarmen hatten sie mit dem Alter, keine Achtung vor der Würde. Kinder und Greise, Laien und Priester wurden ohne Unterschied ermordet. Unter allen Schichten wütete der Krieg, ganz gleich, ob die Menschen um Gnade flehten oder sich zur Wehr setzten. In das Prasseln der überall hervorbrechenden Flammen mischte sich das Stöhnen der Niedergeworfenen. Wegen der Höhe des Hügels und der Größe des brennenden Gebäudes konnte man glauben, die ganze Stadt stehe in Flammen. Grausiger aber und gellender lässt sich nichts denken als das Geschrei, das über dem Ganzen lag. Denn während die römischen Legionen in geschlossenem Zuge vordrangen und ihre Kriegsrufe anstimmten, erschollen gleichzeitig die Klageschreie der von Feuer und Schwert umringten Empörer; und darein klangen die Weherufe des oben abgeschnittenen Volkes, das angsterfüllt flüchtete und in die Hände der Feinde fiel. Mit dem Geschrei derer auf dem Hügel verband sich das der Volksmenge in der Stadt, wo viele der Unglücklichen, die der Hunger schon ausgemergelt und stumm gemacht hatte, beim Anblick des brennenden Tempels den Rest ihrer Kräfte zusammenrafften und klagten; der Widerhall von Peräa und den umliegenden Bergen machte das Getöse noch entsetzlicher. Jedoch fürchterlicher als der Lärm waren die Leiden. Der Tempelberg schien vom Grund her zu glühen und rings in Feuer gehüllt; aber noch voller als die Flammenbäche schienen die Blutströme zu fließen und zahlreicher als die Mörder waren die Gemordeten. Vor Leichen sah man den Boden nicht mehr; über Berge von Toten stürmten die Soldaten den fliehenden nach“. Soweit der Bericht des Flavius Josephus.</p>
<h4>Mitleiden, mitfühlen, mittrauern, sich miteinander an Gott halten</h4>
<p>Mit der Zerstörung des Tempels wurde weit mehr als ein Gebäude vernichtet. Damit Die militärischen Sieger haben damit auch den Gott dieses Tempels in Frage gestellt, haben Tod und Vernichtung symbolisch auch an Gott vollzogen. Wenn im Laufe der Geschichte Synagogen zerstört wurden, ging es ebenfalls um mehr als Häuser. Damit war immer auch das Innerste betroffen, immer auch das Allerheiligste, immer auch Gott selbst. Der Jesus, der uns im Predigttext aus dem Lukasevangelium begegnete, voll Trauer um den Tempel, selbstkritisch beteiligt am innerjüdischen Gespräch um politische Verantwortung auch in der Niederlage, in und am Untergang, prophetisches Zeichen der Hoffnung setzend, eingebunden in den heftigsten Streit, was für die Zukunft der richtige Weg sei, würde sich auch heute mühelos in eine jüdische Gemeinde am 9. Av einfinden. Er würde mit trauern und mit fasten, würde zusammen mit der Gemeinde auf die jüdische Geschichte zurückschauen und würde die Fragen nach Ohnmacht und Macht, nach Erleiden und Verantwortung mit bedenken. Wie alle anderen würde er sich an Gott, den Vater, halten, seines Bundes gedenken, der von Gottes Seite her – was immer sonst geschieht – unauflöslich ist und deshalb Trost und Hoffnung aufscheinen lässt. Hat sich doch in Gottes Beständigkeit, in seiner Treue, in seiner bleibenden Gegenwart, gezeigt, dass er sich durch menschliche Macht nicht in Frage stellen lässt, sondern Gott hat – gegen alles, was Menschen auch im Widerspruch dazu versuchten – seine bleibende Gegenwart, seinen Bund, seine Treue, seine Macht, sein Geleit zugesagt und immer wieder bestätigt. Gott sei Dank!</p>
<p>Mit jenem besonderen jüdischen Gedenktag, mit dem 9.Av, ist auch der heutige Sonntag verknüpft, hat von jeher darauf Bezug genommen, wenn auch im Laufe der Geschichte in unterschiedlicher Weise. Dass der Tempel Jerusalems zerstört ist, der Ort, den Gott zur Begegnung vorgesehen hatte, der Ort der Sühne und der Versöhnung – all dies hat wie die jüdische Bevölkerung auch die christliche stets wahrgenommen. Aber sie hat daraus keineswegs die gleichen Fragen abgeleitet, keineswegs die gleichen Antworten darauf gegeben. Blicken wir in die Geschichte zurück, stellen wir fest: Ausgerechnet die erste und einfachste und natürlichste Reaktion, wie sie Jesus zeigte, die brachte die Kirche gegenüber den Betroffenen am wenigsten auf, nämlich Mit-Leid und Mit-Gefühl und Mit-Trauer. Sie hat sich gerade nicht mit den Trauernden solidarisch gezeigt, sondern allzu oft mitleidlos, hartherzig, gar gehässig. Doch: sich auf die Seite der Zerstörer zu stellen, heißt sich gegen Gott selbst zu stellen. Sich als Christen auf die Seite der Zerstörer zu stellen, heißt, den Grund, die Basis des eigenen Glaubens der Zerstörung anheim zu geben. Dabei hat gerade der Evangelist Lukas sein ganzes Evangelium rund um den Tempel angelegt. Das Evangelium beginnt im Tempel beim Dienst des Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer. Es endet damit, dass die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu beständig im Tempel bleiben. Und das religiöse Leben Jesu nimmt seinen Anfang mit seiner Beschneidung im Tempel, und er setzt es fort, indem er schon als Jugendlicher mit den Eltern die Wallfahrt nach Jerusalem unternimmt und dann hartnäckig im Tempel bleibt, im Gespräch über der Schrift, während alle anderen sich schon wieder auf dem Heimweg befinden. Auf der Höhe seines öffentlichen Wirkens sucht Jesus nocheinmal Jerusalem auf, zum Wallfahrtsfest, zu Pessach. Nicht irgendwo im Lande geht er auf das Ziel seines Lebens zu, sondern eben in Jerusalem. Indem Jesus dort predigt, in demonstrativer Gebärde und in symbolischen Handlungen wirkt, Pessach in der Hauptstadt und im Zentrum der römischen Besatzung feiert, das Fest der Befreiung, stellt er sich in die Reihe der Propheten Israels hinein.</p>
<p>Wenn Jesus Händler im Tempelareal angreift, gar Tische umwirft, Beschäftigte vertreibt, in den Alltag von Kaufen und Verkaufen einbricht, Wallfahrt und Tourismus stört, Frömmigkeit angreift, die sich mit Kommerz verknüpft, hält er es wohl schier nicht mehr aus. Er sieht die Zerstörung kommen, sieht die Trauer, das Elend, den Schmerz. Dieser ganz normale Alltag mag ihm nur noch zynisch erscheinen, gotteslästerlich, widerlich, pervers. So sehr ist Jesus von Jammer erfüllt, obwohl sich doch noch alles in Pracht und Schönheit erhebt. Jesus nutzt den Tempel eben in der Weise, wie Frömmigkeit und Glaube auch nach der Zerstörung ihren Ausdruck finden können: als ein Haus für Gebet und Lehre. So, wie auch heute in jeder Synagoge gebetet und gelehrt wird. Wie Jesus damals die Schrecken der Zukunft in seine Gegenwart hereinholte, so holt heute der neunte Av die Zerstörungen der Vergangenheit in unsere Gegenwart, in die jüdische und in die christliche.</p>
<h4>Als Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen</h4>
<p>Zur Zeit Jesu jedoch erleben die Menschen eine Zeit scheinbarer Ruhe, ergehen sich in Festtagstrubel und Tagespolitik. Die Staatraison gebietet diplomatische Ausgewogenheit gegenüber den Römern. In solchem Umfeld verstört und verärgert das Verhalten Jesu, der die Zerstörung des Tempels vorweg nimmt, indem er jetzt schon trauert, klagt und weint. Eine ganz andere Stimmung lassen die Jünger und Anhänger Jesu erkennen – Lukas berichtet darüber nur wenige Zeilen zuvor, wie sie Jesus einen Triumphzug bereiten, singen und jubeln, ihn als Gottes Gesandten begrüßen und mit solchen Hoffnungen doch geradewegs dem Untergang entgegengehen. Jesus ist nicht der erste Bote, der um seiner Unheilsbotschaft willen verfolgt und mundtot gemacht und letztlich beseitigt wird. Doch Gottes Liebe lässt sich nicht auslöschen, Gott lässt sich die Zusage seines Bund nicht nehmen – nicht indem man seinen Tempel zerstört, nicht indem man seinen Boten beseitigt.</p>
<p>Der Wochenspruch heißt: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat“. Gott handelt, Gott erwählt, Gott nimmt sich seines Volkes an und hält an seinem Erbteil, Israel, fest. Darum können wir Israel selig preisen. Wohl dem Volk, das der Herr erwählt hat. Dies gilt, was auch immer Menschen daran zu bestreiten versuchen. Der heutige 10.Sonntag nach Trinitatis und der 9.Av erinnern uns an die Zerstörung des Tempels durch Menschenhand und an unsagbare Trauer, aber auch an Hoffnung und Gewissheit, weil Gott seinem Volk treu bleibt und sein Volk bei ihm bleibend geborgen ist. Das hält und trägt auch unseren christlichen Glauben, lässt die Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen. Daran können wir im Gebet anschließen, können Schuld bekennen, um Vergebung bitten und Gott für seine Treue danken, ihn loben in Ewigkeit und so Jesus, seiner Lehre und seinem Gebet, folgen.</p>
<p>Amen.</p>
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		</item>
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		<title>Gesandt in den neuen Tag</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2009/05/gesandt-in-den-neuen-tag/</link>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 20:03:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wer bin ich für Euch?“ um diese Frage, liebe Gemeinde, soll es heute am Pfingstmontag gehen. Und wir werden fragen, wie pfingstlich eigentlich diese Frage ist. „Wer bin ich für Euch?“ fragt Jesus seine Jünger. Die Evangelisten schildern eine Situation – fern ab von „den Leuten“, vielleicht den 4000 bis 5000, die eben noch auf dem Berge gespeist wurden und jetzt unterwegs zu ihren Dörfern sind und vielleicht schweigend miteinander gingen, vielleicht sich austauschend über das, was sie erlebt haben: das Wunder, dass alle satt wurden, und den Mann, der um das tägliche Brot gebeten hat, und ob da eben nicht der Himmel auf Erde war.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<h4>„Wer bin ich…?“</h4>
<p>„Wer bin ich für Euch?“ um diese Frage, liebe Gemeinde, soll es heute am Pfingstmontag gehen. Und wir werden fragen, wie pfingstlich eigentlich diese Frage ist. „Wer bin ich für Euch?“ fragt Jesus seine Jünger. Die Evangelisten schildern eine Situation – fern ab von „den Leuten“, vielleicht den 4000 bis 5000, die eben noch auf dem Berge gespeist wurden und jetzt unterwegs zu ihren Dörfern sind und vielleicht schweigend miteinander gingen, vielleicht sich austauschend über das, was sie erlebt haben: das Wunder, dass alle satt wurden, und den Mann, der um das tägliche Brot gebeten hat, und ob da eben nicht der Himmel auf Erde war.</p>
<p>Die Menschen haben sich unterhalten, nachgedacht und erinnert. Vielleicht sind die ersten Geschichten unseres Matthäus-Evangeliums erzählt worden. Manche mögen sich gefragt haben, wer denn dieser Mann war – nein: ist, in dessen Gegenwart Menschen heil, gesund und satt werden, ein Mann, der die Menschen zu kennen scheint, der weiß, was der Mensch braucht und der die richtigen Fragen stellt. Und was das Wichtigste ist: wo er ist, da geht der Himmel auf, wo er spricht, da weicht der Zweifel einer fast göttlichen Klarheit, wo er handelt, da trifft er mitten ins Herz, sodass Menschen be-troffen sind und gar nicht mehr anders können, als fortan anders zu leben. Erzählt wird von dem Zollbeamten, der jetzt mit diesem Jesus mitzieht. Berichtet wird von Fischern, die auf ihre Lebensgrundlage – und teilweise auf ihre Familien &#8211; verzichtet haben, um bei diesem Rabbi zu sein. Aber ist er nur ein Rabbiner? Ist er nicht ein Zimmermann? Der Vater war doch ein Zimmermann in Nazareth. Oder ist er ein Gelehrter, vielleicht ein Pharisäer, der Theologie studiert hat? Denn er kennt sich in der Bibel gut aus. Aber dafür erzählt er nur wenig von Gott und wie er aussieht oder wie er lebt. Was er erzählt, sind einfache Geschichten aus dem Alltag – z.B. die Geschichte von den 99 Schafen, die der Schäfer verlässt, bloß um EIN Schaf zu suchen und dann auch zu finden. Also ist er ein Erzähler auf dem Markt. Aber auf dem Markt ist er nicht so oft zu finden. Ist er ein Arzt oder Heiler? Merkwürdigerweise setzt er nie ärztliche Medikamente ein oder legt Pflaster und Salben auf. Er heilt auf verschiedene Weise – auch mit Worten. Manche sagen, er sei ein Schamane, der Zugang zu der anderen Welt habe.</p>
<p>Wer ist denn nun dieser Mann? Wie heißt er noch mal? Jesus, Josua, also auf deutsch: Helfer, Gott-Hilf? – aber der Name scheint unwichtig zu sein. Wer ist dieser Mann wirklich, von dem alle Welt eine andere Vorstellung zu haben scheint? Manche sagen, er wäre Gott selbst. Aber das wäre Gotteslästerung und außerdem unrealistisch. Wer ist denn Gott? Dieser Mensch hat – wenn überhaupt – nur Dinge erzählt, die mit Gott zu tun zu haben scheinen. Eine richtige Theologie hat er nicht verfasst. Eigentlich hat er nur erzählt, was Gott tut. Aber woher weiß er das? Ein akademisch Gelehrter ist er – wie schon gesagt – auf keinen Fall. Er hat sich sogar gegen theologische Prinzipien ausgesprochen – z.B. was die Heiligung des Sabbath angeht. So oder ähnlich mögen die Leute geredet haben auf ihrem Weg wieder nach Hause. Und jeder mag sich sein eigenes Bild von Jesus gemacht haben. Das ist eben der Vorteil des Nach-Denkens: dann fügt sich eins zum Anderen und ergibt ein Bild. Uns heute Morgen ergeht es sicherlich nicht anders: jeder hat sein Bild von Jesus. Für die einen ist er der Revolutionär, der mit seinen „Schwertworten“ gegen den Weltwirtschaftsgipfel streitet. Für die Anderen ist er der Vorkämpfer der Demokratie: alle sind vor dem Gesetz und vor Gott gleich. Wieder für andere ist er der spirituelle Führer und Mystiker, der will, dass „das Herz fest werde, welches geschieht durch Glauben“. Und dann ist er für viele ein menschliches Vorbild: so einfach wie Jesus kann man leben, lieben, glauben, handeln. Da ist nichts Kompliziertes. Und dann gibt noch so viele Bilder von Jesus, wie es Menschen gibt. Und historisch gibt es über Jesus kaum Dokumente …</p>
<h4>“Du bist…“</h4>
<p>Da wendet sich Jesus an seine Jünger: „Wer bin ich für euch?“ Und ein Jünger, Petrus, antwortet. Und in seiner Antwort ist kein Bild mehr, keine Vorstellung, keine Projektion, sondern da kommt der Jesus zum Vorschein, den Petrus in sich trägt, der sein Leben geprägt hat und weiterhin prägt, der seine Sicht von sich selber, von den Menschen, von Himmel und Erde beeinflusst hat, der sein Denken leitet und seinen Verstand formt. Es ist der Jesus, an den er sein Herz gehängt hat – um es mit Martin Luther zu sagen: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Und darum ist dieses „Petrusbekenntnis“ auch ein großer Meilenstein in allen Evangelien: Du bist der Christus – der Messias. Doch dann fehlen dem Petrus die Worte und „der HERR“ tritt selbst wieder in Aktion und formuliert, wie es Petrus oder auch wie wir es vielleicht nie hätten formulieren können. Merkwürdig, dass wir in Glaubensdingen nicht selten das Gespräch brauchen, damit unser Gegenüber formuliert, was uns bewegt. Denn wer könnte schon mit leichten Worten über sein Fundament sprechen, von seinem Fels, auf dem sein Leben begründet steht? Die Dinge des Glaubens gehören zu den intimsten Bereichen, über die zu sprechen oft schwer fällt. Und Jesus fasst in Worte, was Petrus trägt, was ihn bindet, was ihn er-löst. Und die anderen Jünger hören und stimmen zu, bekommen mit, was Jesus sagt. Vielleicht erleben wir hier ein Gespräch mit, in dem einer dem andern seine Bilder, seine Worte und Gedanken leiht bei der Suche nach dem, was mir Halt gibt, nach dem Fundament, auf das ich mein Leben gründen kann. Es ist ein Gespräch um den Christus, in dem wir bei aller Verschiedenheit einig werden. Ob hier schon der Geist von Pfingsten geweht hat? Die Jünger Jesu, die Christen, sind bis heute grundverschieden: das macht die Farbe und ihre Lebendigkeit aus. In dem Gespräch damals, das Jesus eingeleitet hat, ging es darum, dass die Jünger einander zum Christus werden, dass keiner mehr Herr und Jünger ist. Im Geist Christi – Paulus: „in Christus“ – sind wir „eins durch IHN“, wie wir gleich singen werden (EG 268). In Christus teilen wir unser Leben in der Welt, breiten mithin sein Reich aus, sodass satt werden, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Dass hier schon getröstet werden, die da Leid tragen. Dass die Sanftmütigen schon hier das Erdreich besitzen. Dass die Friedfertigen schon hier Gottes Kinder heißen. Das ist der Pfingstgeist der Bergpredigt (Matthäus 5)! Dieser Geist macht uns zu Christen, „gesandt in den neuen Tag, für den du lebst“ – so heißt es in einem anderen neuen Kirchenlied, das wir nachher singen wollen.</p>
<h4>„Ich bin bei euch…“</h4>
<p>Darum: Geht hin, und macht zu Jüngern – besser: Christen! – alle Welt! Und siehe: ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende! Geht in die Welt, und flieht nicht ihre Schönheit, ihr Leid, ihre Gemeinschaft! Ihr könnt mindestens 4000 Hungrige speisen! Ihr könnt Menschen wieder heil machen! Also geht los, und versteckt euch nicht und euren Auftrag! Jesus ruft uns nicht aus dieser Welt sondern schickt uns direkt in sie hinein!</p>
<p>Die Jünger haben dieses Gespräch und ihre Erfahrungen mit ihm nie mehr vergessen. Später ist aus der Bewegung um den Nazarener eine Kirche entstanden, auch unsre Kirche, sonst säßen wir nicht hier. Und seine Frage an uns ergeht auch heute am Pfingstmontag Morgen: Wer bin ich für dich? Sein Angebot steht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.</p>
<p>Amen.</p>
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