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	<title>Heidelberger Predigtforum &#187; Israelsonntag</title>
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		<title>Staunen über Gottes Fülle &#8211; Erinnerung seitens unserer jüdischen Schwestern und Brüder</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Aug 2009 17:38:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Fülle]]></category>
		<category><![CDATA[Israelsonntag]]></category>
		<category><![CDATA[Isreal]]></category>

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		<description><![CDATA[Nein, das unterstelle ich ihm nicht. Es müssen nicht alle Pharisäer und Schriftgelehrte in der Front gegen Jesus stehen. Jesus wird hier zwar auf Schritt und Tritt auf die Probe gestellt, in Auseinandersetzungen verwickelt. Doch diesem Schriftgelehrten bescheinigt Jesus am Ende, er sei nicht weit vom Reich Gottes. Er war sicher kein Anhänger Jesu. Vermutlich war er wie z.B. Nikodemus ein Suchender, ein Unsicherer. Ihm hatte imponiert, wie Jesus sich behauptet hatte; er war zum Nachdenken gekommen. Als Jude suchte er nach dem Kern der göttlichen Weisungen, er wollte die Fülle der Tora auf den Punkt bringen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Auf der Suche</h4>
<p>Nein, das unterstelle ich ihm nicht. Es müssen nicht alle Pharisäer und Schriftgelehrte in der Front gegen Jesus stehen. Jesus wird hier zwar auf Schritt und Tritt auf die Probe gestellt, in Auseinandersetzungen verwickelt. Doch diesem Schriftgelehrten bescheinigt Jesus am Ende, er sei nicht weit vom Reich Gottes. Er war sicher kein Anhänger Jesu. Vermutlich war er wie z.B. Nikodemus ein Suchender, ein Unsicherer. Ihm hatte imponiert, wie Jesus sich behauptet hatte; er war zum Nachdenken gekommen. Als Jude suchte er nach dem Kern der göttlichen Weisungen, er wollte die Fülle der Tora auf den Punkt bringen. Auf den Punkt: Gott war <em>einer</em> – das stand für einen Juden außer jeder Diskussion. Alles konzentrierte sich in diesem Glauben auf den einen Gott. Ob es ebenso möglich ist, die Fülle, Überfülle an Geboten, Weisungen, Regeln in gleicher Weise zu konzentrieren auf das Eine, Zentrale? Gott ist einer, wie in Ringen entfaltet sich der jüdische Glaube in seiner Fülle um den Punkt im Wasser, den der hineingeworfene Stein verursacht hat. Von welchem Gebot könnte wie von einem zentralen Punkt die Fülle der jüdischen Weisungen sich erklären? Hätte Jesus ihm <em>ein</em> Gebot genannt, wäre das wohl in Ordnung gewesen. Er sucht den zentralen Punkt und Jesus gibt die zentrale Antwort:<br />
„Höre Israel, Gott, der Herr, ist einer und du sollst deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit ganzem Verstehen und aus aller deiner Kraft“.</p>
<p>Das zwingt sich geradezu auf: Ist der Glaube an den einen Gott das Zentrum, lautet das zentrale Gebot logischerweise: Du sollst diesen Gott über alles verehren! Das hätte genug sein können. Doch Jesus gibt eine doppelte Antwort. Das zweite ist dem gleich. Den Glauben Israels habe ich verglichen mit einem Steinwurf ins Wasser: Was sich daraus entwickelt, hat seinen Ursprung in dem zentralen Punkt: Gott ist einer! Die Gebote, Weisungen, Lebensregeln ähneln eher einer Ellipse. Die hat zwei Brennpunkte; was es sonst gibt an Regeln, Empfehlungen, Vorschriften ordnet sich um diese beiden Punkte.</p>
<h4>Zentrales Gebot?</h4>
<p>Ich würde Jesus gerne fragen: Gibt es das eine zentrale Gebot denn nicht? Den Kernpunkt in der Fülle der Lebensregeln? Zweimal zitiert Jesus aus seiner jüdischen Bibel, aus unserem Alten Testament. Vielleicht gibt es das in der Tora, der Weisung für das Gottesvolk, tatsächlich nicht: <em>ein</em> Gebot als zentraler Kernpunkt für alle anderen. Jesus hätte ja eine Zusammenfassung versuchen können. In meiner Fantasie etwa so: Lass dich bestimmen von der Liebe, sowohl von der Liebe zu Gott wie von der Liebe zu deinen Mitmenschen! Aber nun hat auch diese Zusammenfassung ihre zwei Glieder: Liebe zu Gott <em>und</em> Liebe zum Mitmenschen. Jesu Gegenüber wollte ja nun wissen: Welches konkrete Gebot aus der Fülle der biblischen Weisungen ist nun das zentrale? Da fiel Jesus nur die Doppelantwort ein: Er musste zwei nennen. „Das zweite aber ist dem gleich!“ Jesus muss also entfalten, auseinander falten. Seine Antwort gibt es nicht einfach: Gott gegenüber gilt die Liebe – dem Mitmenschen gegenüber gilt auch die Liebe. So weit liegen beide Weisungen nicht auseinander. Aber Jesus zeigt ihm: Mach dir bewusst, wen du als Gegenüber hast! Es gilt zwar in beiden Fällen die Liebe; aber du kannst nicht im Ernst Gott lieben und den Mitmenschen außer Acht lassen. Und umgekehrt: Du kannst nicht deinen Mitmenschen achten, ehren, Gott aber aus den Gedanken lassen. Jesus ent-faltet.</p>
<p>Nicht nur mein Verhalten gegen andere muss sich entfalten. Der Glaube selbst will sich entfalten. Für den Islam ist Gott ebenso streng nur Einer wie für die Juden. Doch für sein Wesen werden im Koran 99 Eigenschaften benannt. &#8211; Ich weiß nicht, ob es zählbar ist, wie viele Bilder für Gott es im Alten Testament gibt. Für uns Christen ist die Suche nach Bildern immer noch offen: Wie lässt sich neu umschreiben, wer Gott ist – in der Entwicklung der Geschichte, in der Entwicklung unseres Lebens…? Wir kennen das ja auch von uns: Wer bin ich? Hoffentlich einer. Hoffentlich erleben mich andere als geschlossen und wissen: So sind sie dran mit mir. Andererseits entfaltet sich mein Wesen in verschiedenen Schichten. Die alten Griechen unterschieden zwischen Leib, Seele, Geist. Das sind nur Schichten, verschiedene Sichtweisen: Ich bin Körper und bin das als ganzer. Ich bin Seele mit der Fülle von Bildern, ererbt in einer unendlich langen Vorgeschichte vor meinen Lebenserfahrungen. Ich bin Geist: Ich bin mir meiner selbst bewusst, ich trete in ein Verhältnis zu meiner Umwelt. Ich bin das alles als ganzer, das zerreißt mich hoffentlich nicht. Und trotzdem: Diese Fülle, Vielfalt bin ich auch.</p>
<h4>Liebe</h4>
<p>Jesus nennt die Liebe das entscheidende Kriterium. Auch die Liebe ist natürlich eine: Ich wende mich ungeteilt dir zu! Aber wir wissen, erleben, was alles unter Liebe verstanden werden kann. Schon die alten Griechen unterschieden hier mindestens dreifach: die Nächstenliebe, die freundschaftliche Zuwendung, die körperlich-sinnliche Liebe. Und wenn wir uns klarmachen, was alles bei uns „Liebe“ genannt wird…- Anders als Juden und Moslems wollen wir Christen Gott schon in seinem Gottsein entfalten. Dreifaltigkeit nennen wir das. Gott ist natürlich einer. Unser jüdisches Erbe. Aber seit Jesus können wir uns Gott nicht mehr vorstellen ohne den Menschen als unaufgebbaren Teil in Gottes Wesen. Gott als Gott und Gott mitten im menschlichen Geschehen. Und da tief in der menschlicher Erinnerung die „Drei“ ein Symbol ist für das Wirken Gottes, kommt als Drittes noch die Kraft dazu, die Gott und Mensch verbindet: der Geist als göttlicher Geist, aber auch als Geist zwischen dir und mir. Gott zeigt sich in einer solchen Vielfalt – im Laufe der jüdischen und der menschlichen Geschichte wie in jedem Leben. Er zeigt sich immer nur wie in einem Spiegel, oft in einer Verkleidung, immer anders, immer neu. So entfaltet er sich selber. Gott wie ein Fächer: Wir können ihn schließen und er ist eine Einheit, wir können ihn entfalten und jede Falte innen und außen für sich betrachten. Beides macht Sinn: hier den einen Gott bekennen – dort staunen über die göttliche Fülle.</p>
<h4>Erinnerung</h4>
<p>Können wir Juden und Christen uns wechselseitig als Reichtum begreifen? Gott muss einer bleiben: Das ist der Kern. Daran führt nichts vorbei. Dieser Schriftgelehrte betont diesen Kern und sucht darum nach dem Kerngebot. Daran erinnern uns unsere jüdischen Schwestern und Brüder: Gott ist einer! An diesem Ausgangspunkt kommen wir nicht vorbei. Und Gott nimmt Wohnung im Menschen Menschen. Und wie verschieden wir sind allein schon im Verlauf der Zeiten, im Blick auf unsere Umstände und Gegebenheiten, das nehmen wir ja alle wahr. Das ist auch Gott: Er zeigt sich dem einen und verbirgt sich dem anderen. Den einen begeistert die Fülle seiner Gnadenfülle, ein anderer wird seine Rätsel und religiösen Fragen nicht los. Die Drei der Dreieinigkeit ist nur das Symbol für diese Fülle. Das ist unser christliches Recht und unsere Pflicht: Gott auseinanderfalten in seine verschiedenen Gesichter, seine so unterschiedlichen Gestalten. Jesus hat diese Entfaltung hier im Blick auf die Lebensregeln eingeleitet. Unser Glaube braucht beides: das konzentrierte Sich Einfinden bei Ihm und die Entfaltung, diese Weite in Ihm, in Gott.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Gottes Haus &#8211; Als Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2009/08/gottes-haus-als-kirche-an-der-seite-israels-wachsen-und-bestehen/</link>
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		<pubDate>Thu, 13 Aug 2009 17:12:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[bestehen]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Israelsonntag]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[wachsen]]></category>

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		<description><![CDATA[Es war der letzte Schultag, eineinhalb Wochen ist es her. Am Nachmittag haben Jugendliche in Ettlingen das Mahnmal zum Gedenken der Deportierten im Rosengarten enthüllt. Nicht nur aus der Stadt Ettlingen waren Menschen gekommen. Nicht nur Vertreter der Kirchen. Wir konnten David Seldner begrüßen, den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Karlsruhe, und Solange Rosenberg, die jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es waren nicht einmal die einzigen jüdischen Menschen bei der Aufstellung, sie alle erwiesen uns mit ihrer Anwesenheit eine große Würdigung. Auch deshalb, weil nach dem Festakt die Gedanken gleich schon wieder weiterführten: Am selben Abend begann der Feiertag des 9. Tages im Monat Av des jüdischen Kalenders, der Gedenktag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Erinnern</h4>
<p>Es war der letzte Schultag, eineinhalb Wochen ist es her. Am Nachmittag haben Jugendliche in Ettlingen das Mahnmal zum Gedenken der Deportierten im Rosengarten enthüllt. Nicht nur aus der Stadt Ettlingen waren Menschen gekommen. Nicht nur Vertreter der Kirchen. Wir konnten David Seldner begrüßen, den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Karlsruhe, und Solange Rosenberg, die jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es waren nicht einmal die einzigen jüdischen Menschen bei der Aufstellung, sie alle erwiesen uns mit ihrer Anwesenheit eine große Würdigung. Auch deshalb, weil nach dem Festakt die Gedanken gleich schon wieder weiterführten: Am selben Abend begann der Feiertag des 9. Tages im Monat Av des jüdischen Kalenders, der Gedenktag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Eben jenes Tempels, den auch Jesus noch erlebt hat &#8211; der Überlieferung nach wurde er am selben Tag zerstört wie das Vorgängerheiligtum, jener Tempel, den Salomo gebaut hat. Was hatte Milena, eine der Jugendlichen, an jenem Nachmittag über ihre Fliese am Mahnmal gesagt: „Die Tränen stellen die Trauer dar“.</p>
<p>Mit dem neunten Av stand eben für die jüdischen Menschen in unserem Kreis ein Tag der Trauer und der Klage gerade unmittelbar bevor, ein Fastentag, an dem mit dem Gedenken an die Zerstörung der Tempel auch die Zerstörung von Synagogen in all den Jahrhunderten seither gegenwärtig ist, die Zerstörung jüdischen Lebens in Europa und darüber hinaus. Mit der Trauer waren auch viele der Fragen präsent, Fragen nach Ursachen und Gründen der Zerstörung, nach Anlässen und Wirkungen, nach Schuld und Verantwortung. Aber in den Synagogen in Karlsruhe, in Heidelberg, in Konstanz und Freiburg und überall auf der Welt war auch von Hoffnung die Rede, von Trost und Gottes beständiger Begleitung. Dies alles wurde in den Predigten, den biblischen Lesungen, in den Liedern und Gesprächen gegenwärtig. Hören wir, wie der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus den Tag der Zerstörung im Jahre 70 der Zeitrechnung, im Jahre 70 nach Christus, beschreibt:</p>
<p>„Während der Tempel brannte, raubten die Soldaten, was sie fanden und töteten, die ihnen in die Hände fielen. Kein Erbarmen hatten sie mit dem Alter, keine Achtung vor der Würde. Kinder und Greise, Laien und Priester wurden ohne Unterschied ermordet. Unter allen Schichten wütete der Krieg, ganz gleich, ob die Menschen um Gnade flehten oder sich zur Wehr setzten. In das Prasseln der überall hervorbrechenden Flammen mischte sich das Stöhnen der Niedergeworfenen. Wegen der Höhe des Hügels und der Größe des brennenden Gebäudes konnte man glauben, die ganze Stadt stehe in Flammen. Grausiger aber und gellender lässt sich nichts denken als das Geschrei, das über dem Ganzen lag. Denn während die römischen Legionen in geschlossenem Zuge vordrangen und ihre Kriegsrufe anstimmten, erschollen gleichzeitig die Klageschreie der von Feuer und Schwert umringten Empörer; und darein klangen die Weherufe des oben abgeschnittenen Volkes, das angsterfüllt flüchtete und in die Hände der Feinde fiel. Mit dem Geschrei derer auf dem Hügel verband sich das der Volksmenge in der Stadt, wo viele der Unglücklichen, die der Hunger schon ausgemergelt und stumm gemacht hatte, beim Anblick des brennenden Tempels den Rest ihrer Kräfte zusammenrafften und klagten; der Widerhall von Peräa und den umliegenden Bergen machte das Getöse noch entsetzlicher. Jedoch fürchterlicher als der Lärm waren die Leiden. Der Tempelberg schien vom Grund her zu glühen und rings in Feuer gehüllt; aber noch voller als die Flammenbäche schienen die Blutströme zu fließen und zahlreicher als die Mörder waren die Gemordeten. Vor Leichen sah man den Boden nicht mehr; über Berge von Toten stürmten die Soldaten den fliehenden nach“. Soweit der Bericht des Flavius Josephus.</p>
<h4>Mitleiden, mitfühlen, mittrauern, sich miteinander an Gott halten</h4>
<p>Mit der Zerstörung des Tempels wurde weit mehr als ein Gebäude vernichtet. Damit Die militärischen Sieger haben damit auch den Gott dieses Tempels in Frage gestellt, haben Tod und Vernichtung symbolisch auch an Gott vollzogen. Wenn im Laufe der Geschichte Synagogen zerstört wurden, ging es ebenfalls um mehr als Häuser. Damit war immer auch das Innerste betroffen, immer auch das Allerheiligste, immer auch Gott selbst. Der Jesus, der uns im Predigttext aus dem Lukasevangelium begegnete, voll Trauer um den Tempel, selbstkritisch beteiligt am innerjüdischen Gespräch um politische Verantwortung auch in der Niederlage, in und am Untergang, prophetisches Zeichen der Hoffnung setzend, eingebunden in den heftigsten Streit, was für die Zukunft der richtige Weg sei, würde sich auch heute mühelos in eine jüdische Gemeinde am 9. Av einfinden. Er würde mit trauern und mit fasten, würde zusammen mit der Gemeinde auf die jüdische Geschichte zurückschauen und würde die Fragen nach Ohnmacht und Macht, nach Erleiden und Verantwortung mit bedenken. Wie alle anderen würde er sich an Gott, den Vater, halten, seines Bundes gedenken, der von Gottes Seite her – was immer sonst geschieht – unauflöslich ist und deshalb Trost und Hoffnung aufscheinen lässt. Hat sich doch in Gottes Beständigkeit, in seiner Treue, in seiner bleibenden Gegenwart, gezeigt, dass er sich durch menschliche Macht nicht in Frage stellen lässt, sondern Gott hat – gegen alles, was Menschen auch im Widerspruch dazu versuchten – seine bleibende Gegenwart, seinen Bund, seine Treue, seine Macht, sein Geleit zugesagt und immer wieder bestätigt. Gott sei Dank!</p>
<p>Mit jenem besonderen jüdischen Gedenktag, mit dem 9.Av, ist auch der heutige Sonntag verknüpft, hat von jeher darauf Bezug genommen, wenn auch im Laufe der Geschichte in unterschiedlicher Weise. Dass der Tempel Jerusalems zerstört ist, der Ort, den Gott zur Begegnung vorgesehen hatte, der Ort der Sühne und der Versöhnung – all dies hat wie die jüdische Bevölkerung auch die christliche stets wahrgenommen. Aber sie hat daraus keineswegs die gleichen Fragen abgeleitet, keineswegs die gleichen Antworten darauf gegeben. Blicken wir in die Geschichte zurück, stellen wir fest: Ausgerechnet die erste und einfachste und natürlichste Reaktion, wie sie Jesus zeigte, die brachte die Kirche gegenüber den Betroffenen am wenigsten auf, nämlich Mit-Leid und Mit-Gefühl und Mit-Trauer. Sie hat sich gerade nicht mit den Trauernden solidarisch gezeigt, sondern allzu oft mitleidlos, hartherzig, gar gehässig. Doch: sich auf die Seite der Zerstörer zu stellen, heißt sich gegen Gott selbst zu stellen. Sich als Christen auf die Seite der Zerstörer zu stellen, heißt, den Grund, die Basis des eigenen Glaubens der Zerstörung anheim zu geben. Dabei hat gerade der Evangelist Lukas sein ganzes Evangelium rund um den Tempel angelegt. Das Evangelium beginnt im Tempel beim Dienst des Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer. Es endet damit, dass die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu beständig im Tempel bleiben. Und das religiöse Leben Jesu nimmt seinen Anfang mit seiner Beschneidung im Tempel, und er setzt es fort, indem er schon als Jugendlicher mit den Eltern die Wallfahrt nach Jerusalem unternimmt und dann hartnäckig im Tempel bleibt, im Gespräch über der Schrift, während alle anderen sich schon wieder auf dem Heimweg befinden. Auf der Höhe seines öffentlichen Wirkens sucht Jesus nocheinmal Jerusalem auf, zum Wallfahrtsfest, zu Pessach. Nicht irgendwo im Lande geht er auf das Ziel seines Lebens zu, sondern eben in Jerusalem. Indem Jesus dort predigt, in demonstrativer Gebärde und in symbolischen Handlungen wirkt, Pessach in der Hauptstadt und im Zentrum der römischen Besatzung feiert, das Fest der Befreiung, stellt er sich in die Reihe der Propheten Israels hinein.</p>
<p>Wenn Jesus Händler im Tempelareal angreift, gar Tische umwirft, Beschäftigte vertreibt, in den Alltag von Kaufen und Verkaufen einbricht, Wallfahrt und Tourismus stört, Frömmigkeit angreift, die sich mit Kommerz verknüpft, hält er es wohl schier nicht mehr aus. Er sieht die Zerstörung kommen, sieht die Trauer, das Elend, den Schmerz. Dieser ganz normale Alltag mag ihm nur noch zynisch erscheinen, gotteslästerlich, widerlich, pervers. So sehr ist Jesus von Jammer erfüllt, obwohl sich doch noch alles in Pracht und Schönheit erhebt. Jesus nutzt den Tempel eben in der Weise, wie Frömmigkeit und Glaube auch nach der Zerstörung ihren Ausdruck finden können: als ein Haus für Gebet und Lehre. So, wie auch heute in jeder Synagoge gebetet und gelehrt wird. Wie Jesus damals die Schrecken der Zukunft in seine Gegenwart hereinholte, so holt heute der neunte Av die Zerstörungen der Vergangenheit in unsere Gegenwart, in die jüdische und in die christliche.</p>
<h4>Als Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen</h4>
<p>Zur Zeit Jesu jedoch erleben die Menschen eine Zeit scheinbarer Ruhe, ergehen sich in Festtagstrubel und Tagespolitik. Die Staatraison gebietet diplomatische Ausgewogenheit gegenüber den Römern. In solchem Umfeld verstört und verärgert das Verhalten Jesu, der die Zerstörung des Tempels vorweg nimmt, indem er jetzt schon trauert, klagt und weint. Eine ganz andere Stimmung lassen die Jünger und Anhänger Jesu erkennen – Lukas berichtet darüber nur wenige Zeilen zuvor, wie sie Jesus einen Triumphzug bereiten, singen und jubeln, ihn als Gottes Gesandten begrüßen und mit solchen Hoffnungen doch geradewegs dem Untergang entgegengehen. Jesus ist nicht der erste Bote, der um seiner Unheilsbotschaft willen verfolgt und mundtot gemacht und letztlich beseitigt wird. Doch Gottes Liebe lässt sich nicht auslöschen, Gott lässt sich die Zusage seines Bund nicht nehmen – nicht indem man seinen Tempel zerstört, nicht indem man seinen Boten beseitigt.</p>
<p>Der Wochenspruch heißt: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat“. Gott handelt, Gott erwählt, Gott nimmt sich seines Volkes an und hält an seinem Erbteil, Israel, fest. Darum können wir Israel selig preisen. Wohl dem Volk, das der Herr erwählt hat. Dies gilt, was auch immer Menschen daran zu bestreiten versuchen. Der heutige 10.Sonntag nach Trinitatis und der 9.Av erinnern uns an die Zerstörung des Tempels durch Menschenhand und an unsagbare Trauer, aber auch an Hoffnung und Gewissheit, weil Gott seinem Volk treu bleibt und sein Volk bei ihm bleibend geborgen ist. Das hält und trägt auch unseren christlichen Glauben, lässt die Kirche an der Seite Israels wachsen und bestehen. Daran können wir im Gebet anschließen, können Schuld bekennen, um Vergebung bitten und Gott für seine Treue danken, ihn loben in Ewigkeit und so Jesus, seiner Lehre und seinem Gebet, folgen.</p>
<p>Amen.</p>
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