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	<title>Heidelberger Predigtforum &#187; Hilfe</title>
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		<title>Hilfe vor Ort ist gefragt</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 05:58:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikt]]></category>
		<category><![CDATA[Samariter]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Mensch – so erzählt es Jesus – ging von Jerusalem nach Jericho, eine Strecke von rund 27 Kilometern, wofür er ca. sechs Stunden damals brauchte. Der Weg führt durch den Wadi Kilt, eine lange, steile Schlucht in der Gebirgswüste Judas. In den Felsenhöhlen dieser Schlucht verbargen sich oft jüdische Widerstandskämpfer, die Soldaten der römischen Besatzungsmacht aus dem Hinterhalt überfielen. Aber sie überfielen hin und wieder auch, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, Durchreisende und nahmen ihnen Nahrungsmittel oder Wertgegenstände ab. Diese Widerstandskämpfer bezeichnet das Neue Testament als „Räuber“, weil räuberisches Handeln zu ihrer Lebensweise gehörte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>(Lesung des Predigttextes in einer modernen Übersetzung, z.B. die Übertragung von Luise Schottroff, s.o.)</p>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<p>Die Beispielgeschichte, die wir eben in einer modernen Übertragung gehört haben, ist wohl eine der bekanntesten Geschichten Jesu. Worum geht es? Ein Mensch – so erzählt es Jesus – ging von Jerusalem nach Jericho, eine Strecke von rund 27 Kilometern, wofür er ca. sechs Stunden damals brauchte. Der Weg führt durch den Wadi Kilt, eine lange, steile Schlucht in der Gebirgswüste Judas. In den Felsenhöhlen dieser Schlucht verbargen sich oft jüdische Widerstandskämpfer, die Soldaten der römischen Besatzungsmacht aus dem Hinterhalt überfielen. Aber sie überfielen hin und wieder auch, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, Durchreisende und nahmen ihnen Nahrungsmittel oder Wertgegenstände ab. Diese Widerstandskämpfer bezeichnet das Neue Testament als „Räuber“, weil räuberisches Handeln zu ihrer Lebensweise gehörte.</p>
<p>Jesus erzählt nun, dass ein jüdischer Mann diesen Weg von Jerusalem nach Jericho ging und dabei Räubern in die Hände fiel. Sie nahmen ihm alles ab, was er hatte. Er hat sich offenbar gewehrt, denn sie gingen gegen ihn mit Gewalt vor und ließen den halbtoten Mann in der heißen Sonne liegen. Der Überfall scheint noch nicht lange her zu sein, denn es kommt ein Priester des Weges. Er hat am frühen Morgen in Jerusalem beim Gottesdienst mitgewirkt, was ja auch seine Aufgabe ist. Er sieht den halbtoten Menschen liegen, hilft ihm nicht, sondern geht einfach weiter. Dann kommt ein Levit vorbei, ein Tempelbediensteter, der im Gottesdienst in Jerusalem vielleicht als Sänger oder Musiker mitgewirkt hatte. Auch er sieht diesen Halbtoten am Boden, auch er kümmert sich nicht und geht weiter. Jesus erzählt nicht, warum diese beiden sich so verhalten haben. Versuchen wir, uns in diese beiden hineinzuversetzen. Hielten sie den Mann für tot? Dann wäre es ihre religiöse Pflicht gewesen, ihn zu beerdigen. Oder wollten sie sich durch den Schwerverletzten nicht verunreinigen? Dann hätten sie ebenfalls lieblos gehandelt. Oder waren sie einfach nur Angsthasen, die so schnell wie möglich die Schlucht verlassen wollten, weil sie ja wussten, wie gefährlich dieser Weg ist? Haben sie gedacht: es kommen ja bestimmt noch viele Leute aus Jerusalem vorbei, die dem Mann helfen könnten? Jesus verrät uns nicht, warum sich die beiden so verhielten. Er stellt einfach fest: Priester und Levit – zwei Vertreter des jüdischen Glaubens gehen an der konkreten Not dieses Schwerverletzten vorbei. – Und wie ist es dem Mann am Boden ergangen? Er liegt da, halbtot, in der Sonne, er nimmt vielleicht in einem Halbkoma verzweifelt wahr, wie Priester und Levit weiterziehen. Er hat starke Schmerzen, kann sich aber nicht äußern. Und dann der Helfer, im Halbkoma erkennt er die Kleidung noch, es ist ein Samariter. Samariter und Juden waren verfeindet. Denn die Juden warfen den Samaritern vor, Gott nicht richtig anzubeten, Falsches über Gott zu lehren und nicht richtig zu glauben. Doch der Samariter kommt nicht in feindlicher Absicht, sondern in karitativer. Er hat kein Messer in der Hand, sondern eine Flasche mit Öl und eine Flasche mit Wein, um die Wunden zu reinigen und zu desinfizieren. Dann verbindet er die Wunden mit Tüchern. Er gibt dem Juden zu trinken, denn man hat immer Wasser bei sich, wenn man durch die Wüste zieht. Schließlich hebt er ihn vorsichtig vom Boden auf seinen Esel und reitet mit ihm zur nächsten Herberge. Um dem verletzten Juden einen anstrengenden Ritt zu ersparen, mietet der Samariter für den Verletzten ein Zimmer, und bezahlt die anstehenden Kosten dem Wirt im Voraus und reitet schließlich weiter. Hier endet die Geschichte.</p>
<p>Warum hat sie Jesus erzählt? Die Geschichte Jesu will keine Moralpredigt sein, mit der er sagen will: Hilf einem Menschen, wenn er in Not ist! Darum geht es nicht. Vielleicht haben Sie es beim Hören der Geschichte bemerkt: in dieser Geschichte sind fast alle wichtigen religiösen Gruppen der damaligen Zeit genannt: Ein Schriftgelehrter, ein Kenner der Heiligen Schrift, der die Bibel lebensnah auslegen soll, stellt Jesus auf die Probe und fragt, wie man das ewige Leben bei Gott gewinnen kann. Und dann sind da die „Räuber“, also eine Gruppe von Zeloten, religiöse Widerstandskämpfer, die das Reich Gottes auf Erden mit militärischer Gewalt erreichen wollten. Und da werden Priester und Levit genannt, die Vertreter des Jerusalemer Tempelgottesdienstes. Und schließlich noch ein Samariter, der in den Augen der Juden nicht nur ein Fremder, sondern auch noch ein Ketzer war. Das Problem, um das es hier geht, ist also kein moralisches. Die Hauptfrage, um die es hier geht, ist eine religiöse: Der Schriftgelehrte fragt Jesus: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Ich könnte auch diese Frage etwas anders formulieren: Meister, wie diene ich Gott richtig, um ins ewige Leben einzugehen? Jesus weist den Schriftgelehrten auf die Botschaft des Alten Bundes hin. Und dieser nimmt den Ball Jesu auf und antwortet: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus bejaht diese alttestamentliche Botschaft. Mit der Gottesliebe und der Nächstenliebe ist Gottes Wille umfassend wiedergegeben.</p>
<p>Vergessen wir nicht die Ausgangsfrage nach dem ewigen Leben, also wie man Gott recht dient, um vor ihm bestehen zu können. Die Stichworte „Gottesliebe“ und „Nächstenliebe“, wollen Gottes Willen zum Ausdruck bringen. Und Jesus fordert uns nicht dazu auf, uns mit Taten der Gottes- und Nächstenliebe das ewige Leben zu verdienen. Diese Geschichte ist im Kontext des ganzen Evangeliums zu sehen. Gottes Gnade ist es, die uns Menschen das ewige Leben verheißt, nicht aber unsere Leistungen in der Gottes- und Nächstenliebe. Wenn ich Gott wirklich liebe, dann werde ich auch seinen Willen tun und dieser Wille heißt in der von Jesus beschriebenen konkreten Situation in der Schlucht des Wadi Kilts: Kümmere dich um diesen Menschen, der dich braucht. Frage nicht eingrenzend wie der Schriftgelehrte: Wer ist denn mein Nächster? Sondern vielmehr: Wem bin ich der Nächste? Davon wird im zweiten Teil der Geschichte anschaulich gesprochen. Ein Samariter wird einem Juden zum Nächsten, als er an der Not dieses ausgeraubten, halbtoten Menschen nicht achtlos vorübergeht. Die Juden lehnten die Samariter wegen ihrer heidnisch beeinflussten Theologie (vgl. 1. Könige 17, 24ff) und Glaubenspraxis ab. Ausgerechnet einen solchen Menschen wählt Jesus als Beispiel dafür aus, um zu zeigen, was es bedeutet, den Willen Gottes zu tun. Es geht nicht darum, dass Gottes Barmherzigkeit verkündigt wird, dass über sie gesprochen wird, sondern dass man mit der konkreten Tat Gottes Barmherzigkeit weitergibt. Der Samariter hat das verstanden, obwohl er in den Augen der Juden nicht glaubte. Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gottesdienst, gehören eng zusammen. Der Samariter hat das begriffen, nicht die „amtlichen“ Vertreter der jüdischen Religion. Wenn wir dann noch bedenken, dass Samariter und Juden verfeindet waren, dann gibt uns Jesus mit dem Verhalten des Samariters zugleich ein eindrückliches Beispiel von Feindesliebe, die ja die letzte Konsequenz der Nächstenliebe ist.</p>
<p>Liebe Gemeinde, wir haben die Situation mitbedacht, in der Jesus diese Geschichte erzählte. Wir haben gesehen, dass Jesus nicht Moral verkündigen wollte, etwa nach dem Motto: Hilf einem Menschen, wenn er in Not ist! Vielmehr geht es ihm um die Frage nach dem rechten Gottesdienst. Seine provozierende Aussage ist: religiöse Gruppen, die für sich in Anspruch nehmen, Gott recht zu dienen, tun es faktisch nicht. Die militanten Zeloten verbreiten wie religiöse Fanatiker heute Terror, Schrecken und Leid. Priester und Levit meinen zwar, Gott recht zu dienen, tun es aber auch nicht, wenn sie sich der Not ihres Nächsten verschließen. Umgekehrt hat der in den Augen der rechtgläubigen Juden ketzerische Samariter begriffen, worauf es ankommt. Bei ihm klaffen Gottesliebe und Nächstenliebe nicht auseinander. Wo Gottesliebe und Nächstenliebe zusammentreffen, da dienen wir Gott. Diese Beispielgeschichte will uns vor Einseitigkeiten bewahren. Es ist wichtig, dass wir Menschen unseren Glauben nicht verkümmern lassen, sondern ihn mit dem Gottesdienstbesuch, mit unserem Gebet, mit dem Lesen der Bibel allein oder in der Gemeinschaft pflegen. Doch sollten wir uns immer wieder kritisch fragen, warum wir das tun. Spüren andere Menschen, dass Gottes Liebe aus uns liebevolle Menschen gemacht hat? Doch auch das Andere will bedacht sein: Christen, die ein „praktisches Christentum“ vertreten, das sich in der Nächstenliebe und in sozialem Engagement äußert, müssen sich immer wieder fragen, wodurch wir Menschen denn überhaupt praktische Nächstenliebe üben. Können wir das aus eigener Kraft? Welche Kraft ist es, die uns dabei stark macht, Menschen, ihren Nächsten oder gar ihren Feind zu lieben? Nach der Botschaft Jesu ist es die Erfahrung von Gottes Liebe, die uns Menschen zur Nächstenliebe fähig macht. Jesus ruft uns – auch durch diese Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter zur Gottes- und Nächstenliebe auf. Doch er überfordert uns nicht, denn er setzt eine Kraftquelle voraus, die aus uns liebevolle Menschen macht. Und diese Quelle ist Gottes Menschenliebe. Wir antworten auf Gottes Liebe zu uns mit unserer Liebe zu Gott. Gottesliebe und Nächstenliebe sind nach Jesus untrennbar, wie beide Seiten derselben Medaille.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>&#8220;Ich muss ihm doch helfen, es tut ihm weh&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Sep 2009 17:35:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwischen Jerusalem und Jericho liegt der Weg der Barmherzigkeit. „Er jammerte ihn.“ Das ist die Begründung, weswegen der Samariter hilft. Er lässt sich die Not des am Boden Liegenden zu Herzen gehen. Er hat Mitleid mit einem Geschundenen, beugt sich nieder und hilft ihm auf. Das wünschen wir uns auch, dass uns einer hilft, wenn wir am Boden liegen. Das wünschen wir uns auch, dass sich einer zu uns hernieder beugt, wenn wir unten sind. Das wünschen wir uns auch, dass sich jemand um unsere Not kümmert, wenn alle anderen vorüber gegangen sind. Das müsste doch das Selbstverständlichste von der Welt sein, dass dem, wenn einer verletzt am Boden liegt, sofort geholfen wird, sobald es ein Mensch merkt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<p>Zwischen Jerusalem und Jericho liegt der Weg der Barmherzigkeit. „Er jammerte ihn.“ Das ist die Begründung, weswegen der Samariter hilft. Er lässt sich die Not des am Boden Liegenden zu Herzen gehen. Er hat Mitleid mit einem Geschundenen, beugt sich nieder und hilft ihm auf. Das wünschen wir uns auch, dass uns einer hilft, wenn wir am Boden liegen. Das wünschen wir uns auch, dass sich einer zu uns hernieder beugt, wenn wir unten sind. Das wünschen wir uns auch, dass sich jemand um unsere Not kümmert, wenn alle anderen vorüber gegangen sind. Das müsste doch das Selbstverständlichste von der Welt sein, dass dem, wenn einer verletzt am Boden liegt, sofort geholfen wird, sobald es ein Mensch merkt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Eine junge Frau ist auf dem Wege nach Hause. Da wird sie plötzlich in eine Seitenstraße gedrängt. Ein Mann ist ihr gefolgt, er zerrt an ihr, die Frau ruft um Hilfe. Die Straße ist voll, Passanten gehen auf und ab, scheren sich nicht um die Hilferufe. Einige drehen sich um, sind verunsichert, gestehen dem Mann ein gewisses Recht zu, auf diese Art und Weise mit einer Widerspenstigen zu verfahren. Womöglich ist sie seine Frau. Bei Familienstreitigkeiten mischen sie sich nicht ein, und ziehen ihres Weges. Am helllichten Tag auf offener Straße ereignen sich Verbrechen. Obwohl sie bemerkt werden, greifen die wenigsten ein, sie helfen nicht und holen keine Hilfe, sehen weg und gehen weiter. Jammert es sie nicht, wenn ein Mensch zum Opfer wird? Haben sie denn kein Herz? Die Motive der unterlassenen Hilfeleistung sind unterschiedlich: Helfen zahlt sich nicht aus. Wer hilft, könnte selbst zu Schaden kommen. Es besteht die Angst, selbst in eine gefährliche Situation hineingezogen zu werden oder Unannehmlichkeiten zu bekommen. Und das gibt es auch: Da bleiben Leute stehen, nicht um zu helfen, sondern um zu zusehen, wie einer verprügelt wird. Sie spenden Beifall, weiden sich an seinem Unglück, lästern verächtlich und schmähen die Opfer.</p>
<p>„Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ &#8211; Um nichts Geringeres als um das ewige Leben geht es in dieser Beispielgeschichte, die Jesus erzählt. Ein Schriftgelehrter, einer, der sich auskennt mit dem heiligen Gesetz Gottes und sich ein Leben lang damit beschäftigt, tritt an Jesus heran, um ihn auf die Probe zu stellen. Der Schriftgelehrte ist nicht interessiert an einer Antwort, die weiß er selber. Er will vielmehr prüfen, ob Jesus sich auf dem Boden der Rechtgläubigkeit befindet, oder ob er eine neue Lehre vertritt, die mit dem rechten Glauben des Judentums nicht vereinbar ist. Der Schriftgelehrte stellt die Frage aus einer unerschütterlichen Sicherheit heraus und erhebt sich über Jesus. Er hält sich für fähig und befugt, Jesus zu befragen, um hinterher sein Urteil über ihn abzugeben. Das Ziel ist eindeutig: Er will ihn überführen. Die Frage, die eine Überprüfung ist, ist nicht wertneutral und schon gar keine naive Frage. Der Schriftgelehrte bewegt sich auf sicherem jüdisch-theologischen Fundament. Er erkennt ewiges Leben als dem Menschen von Gott zugedachtes Erbe und erkundigt sich bei Jesus, was er dafür tun muss, damit er es erhält.</p>
<p>Jesus antwortet mit einer Gegenfrage. „Was liest du im Gesetzt Gottes?“ Der Kenner der Tora soll selbst die Antwort geben. Die geplante Überführung misslingt. Die Antwort, die Jesus gibt, ist die gleiche, die im Gesetz steht. Der Schriftgelehrte braucht sie nur laut zu sagen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Jesus lässt den Schriftgelehrten die Worte des Gesetzes wiederholen. Er fordert ihn dadurch auf, das Gesetz Gottes, die Tora, ernst zunehmen. Unversehens ist aus dem selbstsicheren inquisitorisch fragenden Schriftgelehrten ein Mann geworden, der durch das bisher so sicher gehandhabte Gesetz in Frage gestellt wird. Das ewige Leben ererbt, wer Liebe übt, gegenüber Gott, gegenüber den Nächsten, gegenüber sich selbst. Es ist nichts Neues, was Jesus lehrt, es ist das Alte und Bekannte, was er von jedem persönlich fordert. Jesus bekräftigt die Tora und bestätigt die Antwort des Schriftgelehrten. Jeder fromme Jude kennt das Gebot, das Höre-Israel-Gebet, das Sch’ma Israel: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst“. Jeder fromme Jude betet es zweimal am Tag. Jesus führt dem Schriftgelehrten die Weisung des Sch&#8217;ma Israel persönlich vor Augen. Er stimmt seiner Antwort zu: „Du hast recht geantwortet. Tu, wie das Gebot es lehrt und du wirst leben.“ Jetzt wird es schwierig für den Schriftgelehrten. Plötzlich haben sich die Seiten verkehrt. Nicht mehr Jesus steht auf dem Prüfstand, sondern der Schriftgelehrte. Die Gebote Gottes kommen ihm ganz nah, zu nah. Die Last der heimlichen Verzweiflung, die über dem Leben eines gesetzestreuen Judentums liegt senkt sich auf den Schriftgelehrten (Gollwitzer, Die Freude Gottes, 9. Auflage, S. 140). Es ist die Sorge eines frommen Juden, nicht genau und genug das Gesetz Gottes zu befolgen. Noch versucht der Schriftgelehrte auszuweichen. Bei den vielfältigen rabbinischen Gesetzesauslegungen mit ihren z. T. äußerst detaillierten Erklärungen und Regelungen hält er eine letzte Frage, ohne sein eigentliches Ansinnen preiszugeben, für legitim: „Wer ist denn mein Nächster?“ Heuchlerisch wirkt diese Frage. Glaubt er, Jesus durch diese Frage doch noch in die Enge zu treiben und selbst einen Unterschlupf in dem Gewirr theologischer Auslegung zu finden? Jesus antwortet wie so oft mit einem Gleichnis oder einer Geschichte. Die Beispielgeschichte ist zweifellos vorstellbar. Sie endet mit einer Frage Jesu an den Schriftgelehrten. Wieder wird dieser in die Pflicht genommen. “Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste dem gewesen, der unter die Räuber fiel?“ Der Schriftgelehrte kann gar nicht anders antworten als: „Der die Barmherzigkeit an ihm getan hat“, wobei er sich so sehr von dem Samariter distanziert, dass er noch nicht einmal das Wort „Samariter“ in den Mund nimmt. Er will einfach mit so einem Menschen absolut nichts zu tun haben und auch nicht verglichen werden.</p>
<p>Der Evangelist Lukas lässt Jesus die Frage verschachtelt und umständlich formulieren. Sie lautet nicht, wie der Schriftgelehrte sie an Jesus herangetragen hat: „Wer ist mein Nächster?“, sondern Jesus wandelt die Frage um: “Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste dem gewesen, der unter die Räuber fiel?“ Das heißt: Wer ist dem Überfallenen zum Nächsten geworden? Jesus verändert damit die Perspektive. Nicht demjenigen, dem geholfen wird, wird nicht in den Blick genommen, sondern der Helfer. Auch hier bei der zweiten Frage, die Jesus ihm stellt, antwortet der Schriftgelehrte richtig. Ebenso folgt Jesu Bestätigung und fordert ihn auf: „Geh hin und tue desgleichen“. Zweimal in diesem Bibelabschnitt fordert Jesus den Schriftgelehrten auf, dem Liebesgebot nachzueifern. Was der Schriftgelehrte damit anfängt, erfahren wir nicht. Jedenfalls geht er nicht traurig weg, wie der reiche Jüngling. Die Diskussion, ob Jesus sich in der rechten jüdischen Lehre bewegt, ist vorerst beendet.</p>
<p>Was fangen wir mit der Beispielgeschichte an? Welche Ausreden haben wir, wenn es darum geht, dass wir achtlos an einem offensichtlich Hilfsbedürftigen vorüber gegangen sind? Keine Zeit? – Was gehen mich die Probleme der anderen an? – Mir hilft auch keiner? – Jeder ist sich selbst der Nächste? – Selbst Schuld, wer weiß, was der auf dem Kerbholz hat? – Soll der doch selber sehen, wie er klar kommt? Ich habe genug mit mir selbst zu tun? &#8211; So oder so ähnlich dürften wohl unsere Ausreden sein. Dabei könnten die Motive, die den Priester und den Leviten am Helfen hindern, besser sein, als es bei flüchtiger Betrachtung erscheint. Als Priester und Levit haben sie Dienst im Tempel, dadurch sind sie besonderen Reinigungsvorschriften unterworfen. Der Verwundete könnte ein Sterbender sein, die Berührung eines Toten würde sie verunreinigen und untauglich für den Tempeldienst machen. Religiöse Vorschriften konnten geradezu ein Hindernis werden, dem Liebesgebot Folge zu leisten. Das entschuldigt die Verweigerung der Hilfeleistung in meinen Augen nicht, aber es weckt ein gewisses Verständnis für das Verhalten der Vorübergehenden. Sie lösen das Problem so, indem sie ihren Dienst im Tempel Priorität beimessen.</p>
<p>Ein Dritter, kommt, sieht wie die beiden Gottesdiener, und geht nicht vorüber. Er ist Gefahren ausgesetzt, ebenso wie die beiden Vorherigen: Er könnte selbst ausgeraubt werden, die Räuber sind vielleicht noch in der Nähe, er hat es eilig und muss wichtigen Geschäften nachgehen. Aber was ihn unterscheidet von den beiden anderen ist, dass er außerhalb der jüdischen Reinigungsgebote steht. Er ist ein Samariter. Das ermöglicht ihm, zu helfen, ohne dass er sich verunreinigt. Hier hat er das also leichter als die beiden Vorangegangenen. Das allein reicht nicht aus, um zu helfen. Ein Mensch muss auch helfen wollen. Er muss sich vom Leid eines anderen anrühren lassen und Erbarmen haben. „Er jammerte ihn“. Er verspürte in sich eine menschliche Regung. Er hat Mitleid mit einem Schwerverletzten. Im Augenblick zählt nichts anderes für ihn als das zu tun, was die Not gebietet. Er wendet sich dem Verletzten zu, verbindet seine Wunden, hilft ihm auf sein Tier und bringt ihn in eine Herberge. Er kümmert sich sogar über Gebühr hinaus um ihn. Er erkundigt sich am nächsten Tag nach seinem Befinden, gibt dem Wirt Geld für die Pflege und bietet an, mehr zu zahlen, falls der Wirt mit dem Geld nicht auskommen sollte. Mehr als der Samariter getan hat, kann ein Mensch nicht tun. &#8211; „Es war ein Mensch, der ging hinab von Jerusalem nach Jericho&#8230;.“ Dieser Mensch ist höchstwahrscheinlich ein Jude. Der hätte sich lieber den Priester oder den Leviten gewünscht, der ihm helfen sollte. Nur die alleräußerste Not bringt einen Juden dazu, sich einen Samariter als Helfer zu wünschen. Niemand ist dem in Not Geratenen in dieser Stunde der Hilfe näher als der sonst Ferne. Niemand ist ihm in dieser Stunde ferner, als die sonst Nächsten. Juden und Samariter haben keine Gemeinschaft. Sie gehören nicht zum selben Volk, haben nicht denselben Glauben, nicht dieselbe Kultur.</p>
<p>In der Stunde äußerster Not zeigt sich die Wahrheit zwischen uns Menschen. Sie enthüllt, was es mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die uns sonst verbinden oder trennen, auf sich hat. Erst in der Not weiß ich, auf wen ich mich verlassen kann. Erst die Stunde der Wahrheit schafft die wahre Nähe und die wahre Ferne. „Wer ist mein Nächster?“, hat der Schriftgelehrte gefragt. „Wer ist dem zum Nächsten geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“, hat Jesus die Frage umgewandelt. Der Blickwinkel hat sich verändert. Es geht nicht um denjenigen, der Hilfe braucht, sondern es geht um die Frage: Bist du bereit, dem anderen zum Nächsten zu werden? Es steht nichts Geringes als das ewige Leben auf dem Spiel. Einer wird sich doch finden lassen, der meine Hilfe braucht, irgendein Mensch. Es ging ein Mensch von Jerusalem nach Jericho, irgendeiner. Mit welcher Rolle identifizieren wir uns? Übernehmen wir die Rolle des Priesters und des Leviten, die ihre Verpflichtungen dem Liebesgebot voranstellen? Sind wir diejenigen, die sich nicht anrühren lassen, die wegsehen und an der Not eines anderen vorübergehen? Sind wir diejenigen, die das Erbe Gottes verspielen? Sind wir der am Boden Liegende, der Geschlagene, der keine Lebensperspektive mehr hat, wenn nicht ein entscheidender Wandel von außen eintritt? Sind wir der Schriftgelehrte, der potentielle Abweichler auf die Probe stellt, ob sie auch koscher sind und die richtige Gesinnung vertreten? – Oder sind wir wie Jesus, der andere auf das Liebesgebot behaftet? Wir kennen vielleicht alle Rollen. Wenn wir die eine oder andere Rolle schon einmal übernommen haben, so heißt das nicht, dass wir sie immer spielen. Die Rollen wechseln wie unsere Lebenssituationen. Mal fühlen wir uns stark genug, um uns anderen zuzuwenden, manchmal sind wir nicht in der Lage, jemandem unser Ohr zu leihen. Manchmal müssen wir fremde oder professionelle Hilfe holen, damit anderen geholfen wird.</p>
<p>„Es jammerte ihn.“ Wer sich die Liebe zu den Mitmenschen bewahrt und Erbarmen zeigt, um den ist mir nicht bange. „Seid barmherzig wie Gott auch barmherzig ist“, sagt Lukas wenige Kapitel zuvor (Lk 6,36). Was wir einen Geringsten unser Schwestern und Brüder tun, das haben wir Jesus getan. Wir werden einst am Ende der Tage daran gemessen, ob wir das Liebesgebot befolgt haben. Auf das Tun kommt es an. Was nützen gelehrte und gebildete Gedanken im Kopf, theologische Dispute und Spitzfindigkeiten, religiöse Vorschriften und gut gemeinte Worte, wenn sie keine Auswirkungen haben. Gottesliebe und die Liebe zu den Menschen lassen sich nicht trennen. Wer nicht mit leidet mit einem in Not Geratenen Menschen und nach besten Kräften hilft, wird sich dafür verantworten müssen. Wer ihn gar verspottet und schmäht, ihn mit Füßen tritt, wird sich verantworten müssen. Jesus selbst ist einer geworden, der zutiefst gedemütigt wurde. Er ist auch einer, der unter die Räuber gefallen ist, war Spott und Schande ausgesetzt. Den, der von den Menschen entehrt und bloßgestellt wurde, hat Gott erhöht. Christus wird zur Rechten der Kraft sitzen (Mt 6,64) und richten. Maßstab wird das Gebot der Liebe sein, die der Schriftgelehrte ganz richtig die Schriften zitiert: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und all deiner Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst. Der Mensch muss nichts Außergewöhnliches tun, er darf das Selbstverständliche tun: menschlich bleiben. Die Liebe überwindet alle Grenzen. Das Erbarmen kennt keine Schranken. Wer Hilfe braucht, dem soll geholfen werden. Da ist nicht Jude noch Samariter, nicht Mann noch Frau, nicht schwarz noch weiß, nicht reich noch arm. Zwischen Jerusalem und Jericho liegt der Weg der Barmherzigkeit. Er ist der Schlüssel zum ewigen Leben.</p>
<p>Amen.</p>
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		<item>
		<title>Tu dich auf</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2009/08/tu-dich-auf/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 15:38:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Gespräch]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[sprechen]]></category>
		<category><![CDATA[Wunder]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist doch immer wieder ein Wunder, dass man morgens die Augen aufmachen kann, das Sonnenlicht wahrnimmt und später dann im Lauf des Tages anderen in die Augen schaut. Dass man mit den Ohren die Vögel zwitschern hört, dass man mit der Hand den Wecker ausmacht, dass man auf die Füße kommt, dass man mit der Nase den Kaffeeduft riecht, dass die Zunge geht und man anderen „Guten Morgen“ sagt und „Wie geht’s?“. Jeden Morgen so viele kleine Wunder! Nehmen wir sie einfach so hin und sehen das als selbstverständlich an? Können wir noch staunen über diese vielen kleinen Wunder? Ist uns bewusst, dass dies Kostbarkeiten sind, die wir empfangen, und danken also dafür? Wie Paul Gerhardt in dem Lied: „Dass unsere Sinnen wir noch brauchen können und Händ’ und Füße, Zung’ und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren!“ (EG 447, 3)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Wunder</h4>
<p>Es ist doch immer wieder ein Wunder, dass man morgens die Augen aufmachen kann, das Sonnenlicht wahrnimmt und später dann im Lauf des Tages anderen in die Augen schaut. Dass man mit den Ohren die Vögel zwitschern hört, dass man mit der Hand den Wecker ausmacht, dass man auf die Füße kommt, dass man mit der Nase den Kaffeeduft riecht, dass die Zunge geht und man anderen „Guten Morgen“ sagt und „Wie geht’s?“. Jeden Morgen so viele kleine Wunder! Nehmen wir sie einfach so hin und sehen das als selbstverständlich an? Können wir noch staunen über diese vielen kleinen Wunder? Ist uns bewusst, dass dies Kostbarkeiten sind, die wir empfangen, und danken also dafür? Wie Paul Gerhardt in dem Lied: „Dass unsere Sinnen wir noch brauchen können und Händ’ und Füße, Zung’ und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren!“ (EG 447, 3)</p>
<p>Wir leben davon, dass wir unsere Sinne haben, dass sie funktionieren und wir sie gebrauchen können. Riechen, tasten, sehen, hören und dass wir sprechen können. Unsere Sinne erschließen und eröffnen uns die Welt, bringen uns andere Menschen nahe. Unsere Sinne bringen uns ins Gespräch. Die Welt ist ein Gespräch. Wir sind im Gespräch und nehmen daran Teil. Wenn einer dieser Sinne ausfällt, geht es uns weniger gut, unser Leben wird beschwerlicher, Möglichkeiten werden uns verbaut, wir werden ausgeschlossen, weil wir dies oder jenes nicht mehr tun können, jenes oder dies nicht mehr wahrnehmen, man ist dann draußen. Friedrich Nietzsche sagt dazu brutal: „Das Leben wird zu tausend Wüsten, stumm und kalt“. Welche Wohltat ist es, wenn dieser Sinn wieder da ist, wenn man geheilt wird und wieder am Leben teilhaben kann. Das ist wie eine Neugeburt, wie eine Neuschöpfung. Man kommt wieder ans Licht, man kommt wieder ins Gespräch. Von solch einer wunderbaren Wohltat und Genesung erzählt der Predigtext für heute, er steht im Markusevangelium, im siebten Kapitel.</p>
<p>(Lesung des Predigtexts)</p>
<h4>Hilfe</h4>
<p>Liebe Gemeinde, die Geschichte ist kurz und knapp. Jesus heilt einen Menschen, der taub und stumm ist, der nicht hören und nicht richtig sprechen kann, der so zu ihm gebracht wird. Gehen wir der Geschichte nach. Der Kranke hat Freunde, die ihm zur Seite stehen, die ihm helfen, die für ihn einstehen und für ihn bitten, dass es ihm wieder besser geht. Das braucht man. Freunde, die einen in der Not begleiten, die einen zum Arzt bringen, die mit einem etwas unternehmen, dass man spürt und erlebt: Ich bin nicht allein, andere sind für mich da, auf die kann ich mich verlassen, die schließen mich nicht aus. Das lindert die Not.</p>
<p>Jesus nimmt den Kranken zur Seite, wendet sich ihm zu, weil er taub und stumm ist, weil er am Gespräch nicht teilnehmen kann. Dieses „stumm und taub“ hat Martin Luther 1538 in einer Predigt über diesen Text breit, aber sehr treffend in die Möglichkeiten gefasst: Die Welt ist voller Sprache – die Welt ist taub. Luther predigt, dass schon allein die Kühe, die Schafe, die Bäume uns auf Gottes Güte verweisen, auf die wir dann dankend, lobend, preisend antworten, also ebenfalls in Sprache, im Gespräch, im Gespräch mit Gott, mit der Welt, mit der Umwelt. Und das führt in die Zuwendung, in die Nächstenliebe, und auch in die Liebe zur Schöpfung, Luther nennt es biblisch „dienen“. Martin Luther schildert auch den Kontrast: Gefangen in seiner Taubheit und Stummheit schließt sich der Mensch ab, weil er Götzen dient, Luther zeigt es am Geiz auf, weil der Mensch mit dem anderen nicht mehr teilt, sondern ihn „dämonische Mächte“ gefangen halten. Oswald Bayer bringt es auf den Punkt: „Sie dienen nicht Gott, sie dienen sich deshalb auch nicht untereinander, sondern sie dienen dem Gold, Silber und Korn, das sie haben und krampfhaft festhalten wollen – im Geiz und in der Nekrophilie“, der Liebe zum Tod. „Selbstabschluss ist Götzendienst“. Das lässt sich weiter ziehen: als Götzendienst im unersättlichen tauben und stummen Angriff auf die natürlichen Ressourcen, auf die Lebensgrundlagen, auf die Gesundheit des Menschen, bis hin zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Dann ist die Welt taub und stumm. Sie schließt sich ab und hört nicht. Wie anders ist der theologische Gedanke der Welt als Gespräch!</p>
<p>Leider misslingt dieses Gespräch sehr oft. Warum? Weil die Welt eben nicht als Gespräch, auch als Gespräch mit Gott angesehen, gewürdigt und geglaubt wird. Weil die Welt nicht als geschenkte Gabe verstanden wird. Weil die Welt nicht als zugesagte und anvertraute Schöpfung gesehen und gehört wird. Weil sie unter die Herrschaft eines nach außen hin tauben Selbstgesprächs gefallen ist, als das man viele der selbstzentrierten, nicht nach Menschen oder Umwelt fragenden Mechanismen des Lebensstils, auch zum Beispiel heutiger Geldgewinnungsmaßnahmen, bezeichnen könnte, die ohne Rücksicht auf Verluste operieren. Da hat Götzendienst Gestalt gewonnen. Das ist die Krankheit, die zum Tod führt. Da wird die Welt „zu tausend Wüsten, stumm und kalt“ (Nietzsche).</p>
<p><em>Eröffnung neuen Lebens</em> Eine solch taube Welt – Jesus erträgt das nicht und greift ein. In seiner ganzen Geschichte, in unserem Predigttext, zu dem wir nun näher zurückgehen können: Jesus greift ein. Dazu lässt sich Gott, lässt sich Jesus ganz weit ein, geht ganz in diese Welt ein. Wie Gott zu Beginn der Schöpfung „sich die Hände dreckig macht und in die Erde greift, so legt Jesus Christus die Finger in die Ohren und berührt die Zunge mit Speichel“ (Bayer), um dem Menschen zu helfen, um ihm eine neue Perspektive zu geben, um neues Leben für ihn möglich zu machen und zu eröffnen. Gott leidet mit. Jesus seufzt. Wer seufzt, ist bedrängt. Wer seufzt, dem ist es eng. Wer seufzt, dem fehlt etwas, den drücken Lasten, sie fühlt sich krank, zum Tode hin. Im Seufzen nimmt Jesus Anteil an uns, an der seufzenden Kreatur. Jesus leidet mit. Jesus leidet auch dann mit, wenn das Gespräch nicht gelingt und der Mensch taub gegenüber anderen ist, sich abschließt. Jesus blickt zum Himmel – der Himmel öffnet sich.</p>
<h4>Tu dich auf!</h4>
<p>Tu dich auf! Öffne dich! ruft Jesus dem taubstummen Menschen zu. Öffne dich! Tu dich auf! Das sagt er auch zu uns. Und so können wir uns für Jesus öffnen, für Gott, für andere. Dann können wir spüren: Gott sucht das schöpferische Gespräch mit uns, das aufbaut, das Leben hervorbringt, darum wird Gott Mensch, bis zum Tod, bis in die Tiefe – von dort das Seufzen, verbunden mit dem kraftvollen Machtwort: Tu dich auf! Wenn wir uns darauf einlassen, uns auftun, nehmen wir die Welt wieder als Gespräch wahr, an dem wir beteiligt sein dürfen und können. Wir nehmen die Welt als zugesagte und geschenkte wahr. Wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, wenn wir unsere Sinne noch brauchen können, aber vor allem – und das ist ganz unabhängig davon, wie gut unsere Sinne denn arbeiten – wir können uns immer auftun und öffnen: Es ist nicht selbstverständlich, dass und wie wir leben. Wir empfinden Dankbarkeit. Dann hören wir auch die Stimmen und die mehr oder weniger lauten Schreie derer, die bedrängt sind, derer, die ausgeschlossen sind, derer, die unter die Räder gekommen sind. Wir hören nicht nur, wir können auch sprechen, unsere Stimme erheben gegen eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, unsere Stimme erheben für die, die keine Lobby haben.</p>
<p>Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu öffnen. Mir imponieren auch die kleinen genossenschaftlichen Initiativen, wenn sich Menschen zusammentun – wie die Freunde unseres Schwachen in der biblischen Geschichte – , wo Menschen ihr Können und ihr Geld so kreisen lassen, dass es direkt dahin kommt, wo jemand etwas benötigt. Tauschbörsen – z.B. Einkäufe machen gegen Schriftliches erledigen. Mikrokredite, um das Nötige zur Selbsthilfe kaufen zu können, das hilft gerade in finanzschwachen Situationen und Ländern, und, und, und&#8230;</p>
<p>Tu dich auf! Nicht nur Jesus ruft uns das zu. Ich zitiere wieder Martin Luther: Die „Hämmel, Kühe, auch die Bäume, wenn sie blühen, sprechen: Hephata!&#8230;. als wollte er sagen: alle Kreaturen schreien dich an, darum tu dich auf!“. Es steckt eine Bitte darin: Mensch öffne dich doch! Suche das schöpferische Gespräch und nicht das leere Geschwätz, das vernebelt, verdummt, verschließt und Götzen anpreist und anbetet. Gott, Jesus bittet uns für seine Schöpfung. Dass wir uns öffnen, dass wir wahrnehmen und ins tätige, schöpferische Gespräch kommen, dabei den Dank weitergeben. Dass einer sich dem anderen, ja der Mitwelt zuwendet, mit Herzen, Mund und Händen. Zuwendung heilt, öffnet und gibt Lebensmöglichkeiten. Sicherlich, das Paradies, die Vollendung ist noch fern. Und doch steht die große Verheißung über unserem Leben, über unserer Welt: „Und siehe es war sehr gut“ (1. Mose 1,31). Die Menschen entdecken das staunend wieder, wenn sie Jesus wahrnehmen und sich vertrauensvoll auf ihn einlassen (V37): „Er hat alles wohlgemacht“. Das Gespräch mit Gott ist wieder eröffnet. Täglich. Damit auch wir ins Gespräch kommen mit Gott, untereinander und der Welt und dabei bleiben, geöffnet bleiben, damit die Welt nicht stummer und kälter wird, damit das Leben Zukunft hat.</p>
<p>Amen.</p>
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