Projekt: Was ist eine Predigt?

- Einladung zu einem Projekt des Heidelberger Predigt-Forums

Von Martin Luther stammt der Ausspruch: “Ich habe mich oft selbst angespien, wenn ich von der Kanzel kam. Schäme dich, wie hast du gepredigt! Du … hast überhaupt nicht das Konzept beachtet! Und eben diese Predigt haben die Leute aufs höchste gelobt, dass ich seit langer Zeit nicht eine so schöne Predigt gehalten hätte … So bin ich gewiss der Meinung: Predigen ist ein ganz ander Ding als wir meinen … ” (Martin Luther, Tischreden, Nr. 342 [= WA 4719], S. 148, s.u.). – Was für ein Ding? Was das Predigen, was eine Predigt (praedicatio) ist, bedarf entsprechend des reformatorischen Grundsatzes „ecclesia semper reformanda“ immer wieder neu des Nachfragens und der Verständigung, insbesondere auch im Austausch mit den Predigthörerinnen und Predigthörern, die schon den Reformator Überraschendes lehrten.

“Was ist eine Predigt?” – Zu dieser Frage startet darum das Heidelberger Predigt-Forum ein Projekt und ruft dazu alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, die im Dienst der kirchlichen Verkündigung und der (praktisch-) theologischen Forschung und Lehre stehen. Selbstverständlich sind alle emeritierten Kolleginnen und Kollegen sowie andere an der Predigtarbeit Interessierten mit eingeladen. Wir freuen uns, wenn sich gerade auch “ganz normale” GottesdienstteilnehmerInnen zu Wort melden und ihre Erfahrungen mit Predigten und ihre Erwartungen mitteilen.

Ziel des Projektes ist, Kriterien zu erarbeiten, die Wesen und “Eigentliches” einer Predigt zu beschreiben versuchen. Dabei ist es uns wichtig, dass die PredigerInnen ihren eigenen Weg zur Predigt beschreiben, möglichst illustriert durch eigene Ausarbeitungen. Auch Predigtbeispiele aus Geschichte und Gegenwart sollen eingebracht und die verschiedenen Predigtansätze dargestellt, reflektiert und diskutiert werden. Hingewiesen sei dafür auf das vielfältige und leicht zugängliche Angebot von Predigten in den Print- und Internetmedien, z.B. in Göttinger Predigten im Internet (http://www.predigten.uni-goettingen.de), Heidelberger Predigt-Forum (predigtforum.de, mit exegetisch-homiletischen Einführungen), Kanzelgruß (kanzelgruss.de), Predigtdatenbank (predigten.de) und in traditionellen Predigtveröffentlichungen wie Pastoralblätter (inzwischen auch online pastoralblaetter.de) oder in der jüngeren Reihe „Predigt im Gespräch“ (früher: „Predigen zum Weitersagen“, mit kritischen Kommentaren zu einzelnen Predigtveröffentlichungen). Ein besonderes Anliegen des Heidelberger Predigt-Forums ist im Zeichen einer “Biblischen Theologie” und des christlich-jüdischen Dialogs die umstrittene Frage der christlichen Predigt alt- bzw. ersttestamentlicher Texte.

Um möglichen Missverständnissen gegenüber dem hier vorgestellten Projekt vorzubeugen: Abgesehen von der wichtigen Einsicht, dass die Verkündigung des Evangeliums heute “auf mancherlei Weise” (Hebräer 1,1) geschieht und sicher nicht auf die Predigt beschränkt werden kann, ist für die Projektleitung des Heidelberger Predigt-Forums die Auffassung von grundlegender Bedeutung: Die Predigt ist in das (verkündigende) Gesamtgeschehen eines Gottesdienstes eingebettet und steht dazu in vielfältigen Beziehungen. Aber die besondere Bedeutung der Predigt in der Tradition des evangelischen Gottesdienstes und der hervorragende „Stellenwert“, den GottesdienstteilnehmerInnen der Predigt heute beimessen, rechtfertigt unsere Projektfrage. Predigt kann ebensowenig wie die Liturgie “Privathobby” des/der einzelnen Pfarrers/Pfarrerin sein, sondern sie braucht um der Ökumenizität der gesamten christlichen Kirche willen das Einbeziehen der Predigttradition und die Verständigung über die Anforderungen für die “Predigt heute”.

Nocheinmal Martin Luther: “Ein Prediger ist wie ein Zimmermann, sein Werkzeug ist Gottes Wort. Weil die Zuhörer, an denen er zu arbeiten hat, unterschiedlich sind, darum soll er nicht fortwährend in derselben Tonart lehren… ” (Tischreden, Nr. 322 [= WA 234], s.u.). Das Projekt des Heidelberger Predigt-Forums will auch in diesem Sinn zur Förderung unserer Predigtarbeit beitragen und dazu, im gemeinsamen und achtsam hörenden Diskurs einander so etwas wie “Gehilfen der Freude” (synergoi taes charas, 2. Korinther 1,24) zu werden.

Die Projektbeiträge erbitten wir an die Redaktion des Heidelberger Predigt-Forums: redaktion@predigtforum.de. Vorläufiger Redaktionsschluss ist der 1.10.2012.

Als Literatur empfehlen wir: Martin Luther, Tischreden, Nr. 316-351, in: Luther Deutsch, Bd. 9, hg. v. Kurt Aland, 3.Aufl., Stuttgart 1960, S. 141-151; Friedrich Niebergall, Die moderne Predigt, in ZThK 15(1905), 203-271; Dietrich Bonhoeffer, Finkenwalder Homiletik (1935-1939), in: Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, hg. von Eberhard Bethge, Bd. 4, München 1961, 237-289; Karl Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt (1966); Werner Schütz, Probleme der Predigt, Göttingen 1981, 81-87: Die Predigt über alttestamentliche Texte; Heinz Janssen, Konzeption Heidelberger Predigt-Forum (2002), in: www.predigtforum.de; Klaus Schwarzwäller, Grundsätzlich konkret: Theologie als Predigt (in: DtPfrBl 9/2003, 467-471; Heinz Janssen, Freude an Gott. »Altes« Testament und christliche Predigt – Eine hermeneutische Vorbemerkung, in: DtPfrBl 7/2005, 363(f.); Albrecht Grözinger, Was ist das – eine Predigt?, in: PBl 146(2006), 73-77.

Kirchenrat Pfarrer Heinz Janssen,
Herausgeber und Schriftleiter des Heidelberger Predigt-Forums
redaktion@predigtforum.de

 

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Kommentare
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