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	<title>Heidelberger Predigtforum &#187; Liebe</title>
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		<title>Jeden Tag Frieden suchen</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 18:44:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Verzicht]]></category>
		<category><![CDATA[Wirklichkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt Bibeltexte, mit denen hat man seine ganz persönliche Geschichte. Sie tauchen an verschiedenen Stellen des Lebens immer wieder auf, und jedes Mal haben sie etwas Neues zu sagen. So geht es mir mit den Worten Jesu aus der Bergpredigt, die wir eben gehört haben. Sie begleiten mich schon über Jahre hinweg. Immer wieder entdecke ich etwas Neues an ihnen. Meine erste bewusste Begegnung mit diesen Jesusworten hatte ich als Jugendlicher. Es ist Mitte der Achtzigerjahre, in Deutschland wird heftig über das Thema Nachrüstung gestritten. „Liebt eure Feinde!“, dieser Satz aus der Bergpredigt wird vom christlichen Teil der Friedensbewegung immer wieder vorgebracht, um gegen die Stationierung von neuen Atomwaffen zu argumentieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Predigt</h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Persönliche Entdeckungen</h4>
<p>Es gibt Bibeltexte, mit denen hat man seine ganz persönliche Geschichte. Sie tauchen an verschiedenen Stellen des Lebens immer wieder auf, und jedes Mal haben sie etwas Neues zu sagen. So geht es mir mit den Worten Jesu aus der Bergpredigt, die wir eben gehört haben. Sie begleiten mich schon über Jahre hinweg. Immer wieder entdecke ich etwas Neues an ihnen. Meine erste bewusste Begegnung mit diesen Jesusworten hatte ich als Jugendlicher. Es ist Mitte der Achtzigerjahre, in Deutschland wird heftig über das Thema Nachrüstung gestritten. „Liebt eure Feinde!“, dieser Satz aus der Bergpredigt wird vom christlichen Teil der Friedensbewegung immer wieder vorgebracht, um gegen die Stationierung von neuen Atomwaffen zu argumentieren. Damit ist die Bergpredigt auf einmal in der öffentlichen Diskussion. Ihr Text wird in Tageszeitungen abgedruckt, und Franz Alt schreibt unter dem Titel „Frieden ist möglich“, dass man mit der Bergpredigt Friedenspolitik machen kann und soll. Mich faszinieren solche Gedanken als Jugendlicher: Da sind Christen, die sich mit der sich immer schneller drehenden Rüstungsspirale nicht abfinden wollen. Menschen, die davon überzeugt sind, dass es auch anders gehen muss. Dann die Worte Jesu in der Bergpredigt: diese Radikalität, dieser Klarheit! Dieser Abschnitt aus der Bergpredigt wird zum Grund dafür, dass ich nicht zur Bundeswehr gehe, sondern Zivildienst leiste. Ich bin überzeugt davon, dass dies der richtige Weg ist – in aller jugendlichen Bescheidenheit: nicht nur für mich, sondern für die Kirche und die Gesellschaft insgesamt: die Bergpredigt als politisches Programm, als Handlungsanweisung für Regierungen, als Weg zum weltweiten Frieden.</p>
<h4>Deutungen</h4>
<p>Einige Jahre später – in der Mitte meines Theologiestudiums. Der Ost-West-Konflikt ist bereits Geschichte. Dafür kommt der Krieg nun fast vor die Haustür, ins ehemalige Jugoslawien. Deutschland wird von einer Welle rechtsextremistischer Anschläge erfasst. Auf all das gewaltlos reagieren? Einfach die andere Backe hinhalten, wenn junge Neonazis Häuser in Brand stecken und Nationalisten Kriege gegen Nachbarvölker anzetteln? Mir kommen Zweifel an dieser Deutung der Bergpredigt und ich beginne, mich mit Martin Luther zu beschäftigen. Da begegnen mir diese Worte aus der Bergpredigt zum zweiten Mal, jetzt in der Auslegung von Martin Luther. Er sagt: Für sich persönlich soll ein Christ auf Gewalt verzichten, die andere Backe hinhalten, so wie es Jesus hier in der Bergpredigt sagt. In seinem privaten Leben soll er Unrecht erleiden und sich nicht dagegen wehren. Aber für den politischen Bereich, so Luther, gilt das nicht. Da hat Gott die Regierungen eingesetzt und ihnen, so wie es im Römerbrief heißt, „das Schwert“ gegeben, also den Auftrag, sich für Recht und Ordnung einzusetzen, wenn nötig auch mit Gewalt. Die Bergpredigt also als Handlungsanweisung für Christen nur in ihrem privaten Leben? Irgendwie einleuchtend. Trotzdem die Frage: Wird Jesu Worten damit nicht die Spitze genommen? Ist diese Deutung nicht auch eine Flucht vor der Radikalität der Bergpredigt? Der Versuch, sie ein wenig zu glätten?</p>
<p>Eine weitere Deutung begegnet mir zu dieser Zeit. Sie lautet: Jesus geht es in der Bergpredigt um so etwas wie einen symbolischen Protest gegen Gewalt; um eine kurze Unterbrechung der Spirale der Gewalt, aus der sich vielleicht etwas Neues entwickeln kann. Wer geschlagen wird und dem Schläger auch die andere Backe hinhält, demonstrativ und provozierend, der macht deutlich: Ich bin mit dieser Gewalt nicht einverstanden, ich halte sie für falsch. Wenn du einen Augenblick nachdenkst, wirst du das auch erkennen! Wieder einige Jahre später: Jesu Worte aus der Bergpredigt begegnen mir zum dritten Mal. Ich bin inzwischen Vikar und predige in einem Gottesdienst über diesen Text. Der Gedanke, Gewaltverzicht sei ein symbolischer Protest gegen Gewalt, ist ein wichtiger Gedanke in meiner Predigt. Nach dem Gottesdienst kommt eine Frau auf mich zu und sagt: „Sie haben davon geredet, dass man die andere Backe hinhalten und so gegen Gewalt protestieren soll. Aber wie ist das denn, wenn in einer Familie der Mann die anderen Familienmitglieder schlägt, soll man sich das wirklich gefallen lassen?“ Wir kommen ins Gespräch, und ich merke, dass ich mit meinem bisherigen Verständnis dieses Bibeltextes hier nicht recht weiterkomme. Symbolischer Protest, Zeichen gegen Gewalt: Was nützt das in einer Situation, die bereits von jahrelanger Gewalt geprägt ist, wenn sich Verhaltensmuster längst eingeschliffen haben? Was nützt da symbolischer Protest – zumal dann, wenn die Gewalt im Verborgenen, abseits der Öffentlichkeit stattfindet? Kann man einem Menschen, der in der schwächeren Position ist, wirklich sagen: Als Christ musst du das aushalten und darfst dich nicht wehren? Wie viel Leben wird durch solche Gewalt zerstört, wie viel Freiraum verhindert! Wie viele Chancen werden dadurch vernichtet, Chancen, die Gott doch geschenkt hat! Ist dieser symbolische Protest gegen Gewalt nicht nur aus einer Position der Stärke heraus möglich? Wenn ich ihn bewusst einsetze, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Wenn ich aus einer inneren Freiheit heraus auf Gegengewalt verzichte? Nicht als Opfer, sondern als aktiver, aber gewaltloser Akteur?</p>
<p>Eine letzte Erinnerung: Der Sommerurlaub in diesem Jahr. Noch einmal begegnen mir Jesu Worte aus der Bergpredigt, und zwar in meiner Urlaubslektüre: „Und wir sind dabei gewesen“, die Autobiographie von Christian Führer. Er war lange Jahre Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig, an der Kirche, von der aus die Friedensgebete in der DDR ihren Ausgang nahmen, die dann maßgeblich zur friedlichen Revolution 1989 beitrugen. Beim Lesen beeindruckt mich immer wieder, welche Kraft Christian Führer dem Gottesdienst und dem Gebet beimisst, und wie er, gerade in der entscheidenden Phase des Protests, immer wieder Gewaltverzicht anmahnt. Wenn die Stasi provoziert, mit Worten oder mit Rempeleien, sollen Christen sich nicht zu Gegengewalt provozieren lassen, so sagt er immer wieder mit Verweis auf Jesu Worte in der Bergpredigt. Faszinierend zu lesen, wie gerade diese gewaltlose Bewegung eine ungeheuere Kraft entfaltet. Wie gerade Jesu Geist der Gewaltlosigkeit dazu beiträgt ein gewalttätiges System zu stürzen. Faszinierend und erstaunlich – wohl auch für die Machthaber selbst. Vom Präsidenten der DDR-Volkskammer wird der Satz überliefert: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“. Faszinierend und erstaunlich, welche Wunder geschehen können, wo Menschen sich von Jesu Worten begeistern und mitreisen lassen! Faszinierend, welch eine Kraft die Gewaltlosigkeit entwickeln kann. Die Bergpredigt – also vielleicht doch mehr als nur eine Richtschnur für das private Christenleben? Vielleicht doch eine Kraft, die auch Diktaturen zum Einsturz bringen kann? – So weit also meine persönlichen Erfahrungen mit Jesu Worten zum Gewaltverzicht und zur Feindesliebe: Von der Friedensbewegung über Martin Luther, Gewalt in der Familie bis zur friedlichen Revolution von 1989.</p>
<h4>Heilsame Unruhe</h4>
<p>Liebe Gemeinde, Sie haben es beim Zuhören wohl gemerkt: Fertig bin ich mit diesen Worten noch immer nicht. Aber vielleicht ist das ja gerade das Besondere und das Faszinierende an Bibelworten: Sie fordern uns immer wieder neu heraus. Sie sind in einem guten Sinn sperrig und entziehen sich einfachen Antworten. Sie lassen es nicht zu, dass wir irgendwann einmal mit ihnen fertig sind. Sie bringen uns immer wieder neu in Bewegung. Sie fordern uns dazu heraus, dass wir unsere ganz persönliche Antwort geben. Ich denke, das ist eine heilsame Unruhe. Sie hält uns lebendig und sie hält uns in Kontakt mit Gott. Konkret im Blick auf die Bergpredigt: Diese Unruhe, die von Jesu Worten herkommt, verhindert, dass wir uns zu schnell abfinden mit der Gewalt, zu schnell resignieren und sagen: Man kann ja doch nichts machen. Jesu Worte halten unsere Sehnsucht nach Frieden lebendig, und sie spornen uns an, diesen Frieden zu suchen, jeden Tag neu.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Voraussetzungslose Liebe</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2009/08/voraussetzungslose-liebe/</link>
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		<pubDate>Tue, 18 Aug 2009 20:18:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Pharisäer]]></category>
		<category><![CDATA[Zöllner]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal geht der Schuss nach hinten los. Richtig ist: Du sollst dein Bestes geben. Du darfst zeigen, was du kannst. Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Aber manchmal kann der Schuss nach hinten losgehen: Wenn du nämlich zu dick aufträgst; wenn du zu verstehen gibst: Ich bin der Beste. Manchmal glaubst du ja, es wird von dir gefordert, dich so darzustellen: Du sollst zeigen, warum gerade du der geeignete Anwärter für diese Stelle bist. Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Selbstruhm und Bescheidenheit.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Predigt</strong></h3>
<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Auf den Pullover geschrieben</h4>
<p>Manchmal geht der Schuss nach hinten los. Richtig ist: Du sollst dein Bestes geben. Du darfst zeigen, was du kannst. Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Aber manchmal kann der Schuss nach hinten losgehen: Wenn du nämlich zu dick aufträgst; wenn du zu verstehen gibst: Ich bin der Beste. Manchmal glaubst du ja, es wird von dir gefordert, dich so darzustellen: Du sollst zeigen, warum gerade du der geeignete Anwärter für diese Stelle bist. Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Selbstruhm und Bescheidenheit. Ich muss Ihnen sagen: Ich reagiere zunehmend genervt auf Selbstdarstellungen von Einrichtungen, die marktorientierte Sprachhülsen vor sich her tragen, um einen Spitzenplatz für sich zu beanspruchen, noch dazu wenn es sich um Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen handelt. Das hört sich dann so an: „Wir sind ein kompetenter Dienstleister, der seine Kunden (!) in optimaler Weise fördert und ihnen professionelle Hilfe anbietet. – Unser Unternehmen zeichnet sich durch eine transparente Führungskultur aus. Die Vernetzung verschiedener innerbetrieblicher Bereiche sichert eine konstruktive und effektive Zusammenarbeit bei flexiblen Einsatzmöglichkeiten. – Unsere Arbeit richtet sich nach festgelegten Qualitätsstandards und unterliegt entsprechender Qualitätskontrolle. Durch unsere hochwertigen Produkte sind wir ein verlässlicher Partner anerkannter Firmen.“</p>
<h4>Anerkennung setzt Leistung voraus – und die „richtige“ Sprache</h4>
<p>Liebe Gemeinde, das mag für manche Ohren normal klingen, für mich nicht. Denn hier schlägt ein „Wir“ so sehr an die stolz geschwellte Brust, dass man schon taub sein müsste, wenn man nicht überall zwischen den Zeilen mithörte: „Wir sind besser als die anderen“. Wehe der Einrichtung, die etwa pädagogische Prinzipien vor Markt- und Qualitätsorientierung stellt! Es geht um Anerkennung. Und anerkannt bin ich offenbar nur, wenn ich bestimmte Voraussetzungen erfülle: Professionalität und Kompetenz, Effektivitätskontrolle und Optimierung der Arbeit, Transparenz und Vernetzung, Hochwertigkeit und Qualitätskontrolle. Nicht allein das, sondern vielmehr, dass ich das in dieser Sprache vor mir her trage. Anerkennung ist an Voraussetzungen gebunden. Das gilt für Einrichtungen und die darin arbeitenden Menschen gleichermaßen.</p>
<h4>Jesus räumt auf – nicht nur im Tempel</h4>
<p>Was wir als gesellschaftlich gegeben hinnehmen, das muss für Jesus noch lange nicht richtig sein. Er hält es offenbar nicht für hinnehmbar, dass Anerkennung an Voraussetzungen geknüpft ist. Das macht er sowohl den Pharisäern wie auch seinen Jüngern anhand einer Gleichniserzählung klar. Auf dem Weg nach Jerusalem trifft er mit seinen Jüngern auf eine Gruppe von Pharisäern, die offenbar wegen ihres spirituellen Gehabes sehr von sich eingenommen sind. Lukas berichtet davon im 18. Kapitel seines Evangeliums.</p>
<p>(Lesung des Predigttextes)</p>
<p>Jesus räumt damit auf. Jesus räumt mit dem Irrtum auf, dass Anerkennung an Voraussetzungen gebunden sei. Und er kann damit aufräumen, weil er ja in erster Linie nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, sondern unsere Beziehung zu Gott. Und die ist jedem Druck, jeden Regularien, jeden Konventionen enthoben, nur geprägt von der Liebe. Und Liebe ist voraussetzungslos. Ob sich daraus dann auch Konsequenzen für unseren Umgang miteinander ableiten lassen, ist eine zweite Frage.</p>
<h4>Gottes voraussetzungslose Liebe – im Spiegel des Pharisäers und des Zöllners</h4>
<p>Hören wir noch einmal in die Geschichte hinein: Da ist der Pharisäer. Er wird als anmaßend beschrieben. Er maßt sich an, an Gottes Stelle zu entscheiden: „Gott, ich habe deine Liebe verdient.“ Ob er überhaupt um seine anmaßende Haltung weiß? Vielleicht ist es ihm gar nicht bewusst, wie er wirkt. Denn für ihn scheint es völlig normal zu sein, dass Liebe und Anerkennung vor Gott an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind. Z.B.: Er betrügt nicht – weder seine Geschäftspartner noch seine Frau; er hält das Fasten ein – zweimal die Woche; und er zahlt seine Tempelsteuer pünktlich, regelmäßig und verlässlich. Was will man noch mehr? Was will Gott noch mehr? Er erfüllt, so glaubt er, alle Voraussetzungen, um von Gott anerkannt, ja, geliebt zu werden. Aber Gott sagt: Nein, mein Freund, so wirst du mir nicht gerecht. So wirst du mir nicht gerecht, denn meine Liebe ist voraussetzungslos; so wirst du dir nicht gerecht, denn du versteigst dich in Hochmut, isolierst dich und stehst allein da (v11); und du wirst dem Nächsten nicht gerecht; denn du lässt ihn alleine stehen.</p>
<p>Und nun lernen wir Gott kennen – im Spiegel des Zöllners. Ihn, nicht den Pharisäer, hat er auserwählt, um sich darin zu spiegeln. Der Zöllner, das glatte Gegenteil vom Pharisäer. Er erpresst die Kaufleute mit überhöhten Mautgebühren; Räuber und Betrüger in einem. In ihm will sich Gott widerspiegeln. Der Zöllner weiß um seine Lebensweise und um sein Wesen. Er weiß, es ist nicht in Ordnung. Er kann eigentlich nicht wagen, vor Gott zu treten und ihm ins Angesicht zu blicken (v13); er tut es trotzdem, mit nichts, mit leeren Händen. Er weiß: Wenn ihn Verachtung und Strafe trifft, dann verdient. So bleibt ihm, der nichts vorzuweisen hat, nur, Gott um Gnade zu bitten: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Er kann nichts anderes als bitten.</p>
<h4>Pharisäerexistenz und Zöllnerexistenz: zwei Lebensweisen</h4>
<p>Ist es nicht demütigend, wenn man nur noch bitten kann? Für den Pharisäer wäre es demütigend. Für uns wäre es demütigend, wenn wir nur aus dem leben, was wir vorzuweisen haben. Für uns wäre es demütigend, wenn wir nur die Pharisäerexistenz leben. Aus dem Munde Jesu aber wissen wir: Gott lässt unsere Bitten nicht ins Leere gehen: „Bittet, so wird euch gegeben“, verspricht er, „sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lk 11,9f par.) Wer also bittet, der darf noch etwas erwarten; das verspricht Jesus in Gottes Namen. So bekommt das Bitten etwas Zukunftsfrohes, etwas Hoffnungsvolles, etwas Spannendes. Raus aus der Depression, hinein ins Vertrauen! Jesus macht Mut zur Zöllnerexistenz. Was ist das? Vertrau wie der Zöllner der voraussetzungslosen Liebe Gottes. Gott steht zu dir. Du wirst es erfahren. Auch und gerade, wenn du mit leeren Händen vor ihm stehst. Überall musst du Voraussetzungen erfüllen: Wenn du Karriere machen willst, wenn du anerkannt werden willst. Vor Gott brauchst du keine Voraussetzungen zu erfüllen. Er versteht dich, er steht zu dir, er liebt dich. Ich füge noch hinzu: „voraussetzunslos“, obwohl sich das eigentlich versteht; denn Liebe ist voraussetzungslos.</p>
<h4>Mensch, öffne dich</h4>
<p>So ist Gott. So kannst du ihn erfahren. Das sagt Jesus uns. Er sagt es den Pharisäern unter uns. Oder besser noch: Er sagt es dem Pharisäer in uns, und er sagt es dem Zöllner in uns. Und am ehesten kannst du Gott so erfahren, je weniger du vor ihm vorzuweisen hast; am ehesten kannst du ihn so erfahren, wenn du mit leeren Händen vor ihn trittst: „Herr, füll du mir die Hände mit deiner Liebe und mit deiner Gnade.“ Wenn du mit leeren Händen vor Gott trittst, wirst du der voraussetzungslosen Liebe Gottes am ehesten gerecht. Dann kann sie, dann wird sie in dir Wohnung nehmen, und du wirst ein neuer Mensch sein: zukunftsfroh, hoffnungsvoll, anerkannt.</p>
<p>Amen.</p>
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