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	<title>Heidelberger Predigtforum</title>
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		<title>Aus der Enge in die Weite</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 10:32:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ganz anders als sonst lernen wir Paulus in diesen Zeilen seines Briefes an die Philipper kennen. Nicht nur der Gründer der Gemeinde, der Apostel Paulus in seiner Autorität, ergreift hier das Wort. Hier schreibt Paulus als  Mensch vor dem Hintergrund seiner ganz persönlichen Lebensgeschichte, was ihm sein Christsein bedeutet, und wie sein Glaube in seinem Leben Gestalt gewinnt.</p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Der Apostel Paulus begegnet uns als Mensch und Christ</h4>
<p>Ganz anders als sonst lernen wir Paulus in diesen Zeilen seines Briefes an die Philipper kennen. Nicht nur der Gründer der Gemeinde, der Apostel Paulus in seiner Autorität, ergreift hier das Wort. Hier schreibt Paulus als  Mensch vor dem Hintergrund seiner ganz persönlichen Lebensgeschichte, was ihm sein Christsein bedeutet, und wie sein Glaube in seinem Leben Gestalt gewinnt. Nicht abgehoben, von einem Sockel von Autorität  herab, lehrt er die Gemeinde in der Theorie, nein! Indem er von seiner Glaubenspraxis berichtet, wird er zum Vorbild. Indem er von seinem Glauben spricht, bietet er Orientierung. So erreichen uns heute drastische und kämpferische Worte eines Mannes, der mit starker Vehemenz und großer Emotionalität die Bedeutung des Glaubens an Jesus Christus für sein Leben beschreibt. Dabei erscheint sein Glaube als etwas sehr Bewegtes und Bewegendes, bewegt und bewegend  im wahrsten Sinne des Wortes. Denn immer unterwegs, immer auf dem Weg aus der Enge in die Weite ist Paulus  in seinem Glauben und in seinem Leben. Und es ist, als wolle er uns Anteil haben lassen und mitnehmen in dieser Bewegtheit auf seinem Weg, wenn er schreibt:</p>
<p><em> </em></p>
<p>&#8220;Nicht, daß ich&#8217;s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich&#8217;s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, daß ich&#8217;s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus&#8221;.</p>
<p>Wer so ergriffen ist von Christus, wer so bewegt ist vom Glauben, wer sich so inständig danach sehnt und voller Eifer ausstreckt, sein Ziel zu erreichen, der könnte wohl niemals sagen: „Ich habe einen Glauben“, sondern immer nur: „Ich lebe meinen Glauben“.</p>
<h4>Als Menschen und Christen begegnen wir dem Apostel Paulus</h4>
<p>Ob wir uns als Christen, als Gemeinde in Spenge, in einem so bewegten und bewegenden Glauben wieder finden?<br />
Ob wir uns so einfach einladen und mitnehmen lassen auf diesen Weg?Ob uns der Apostel darin Vorbild ist/sein kann, und uns seine Worte Orientierung bieten?<br />
Ob wir lernen können aus seinem Leben für unser Leben?<br />
Ob seine Glaubensgewissheit zur Stärkung und Ermutigung werden kann für unseren Glauben? Oder gehören wir nicht eher zu denen, die ihren Glauben haben statt ihn zu leben?<br />
Sind wir nicht eher ein sitzendes als ein wanderndes Gottesvolk, das sich mit der Freiheit der Kinder Gottes schwer tut?</p>
<p>Genau diesen Fragen geht auch Paulus in seinem Leben nach. Ja, er hatte seinen festen Glauben, für den er mit vollem Eifer und mit ganzer Kraft eintrat – jedes Gebot und jede Vorschrift kannte und beherzigte er aufs Genaueste, um Gott zu gefallen, es ihm recht zu machen. Dass Gott auch die wichtig nahm, ja annahm und liebte, die sich weder im Glauben noch im Leben auskannten, dass Gott sich gerade denen zuwandte, denen nichts geriet oder die sich gar schuldig machten, wie es Jesus verkündete und lebte, war für ihn unvorstellbar. Klare Grenzen und Abgrenzungen zwischen Gottesfürchtigen und Gottlosen, Anständigen und Unanständigen, Leistungsträgern und Versagern, eben denen, die dazu gehörten und denen, die es nicht taten – die musste es geben. Diese Grenzen und Abgrenzungen verteidigte Paulus denn auch bis aufs Blut, wenn er die jungen Christen mit dem Schwert verfolgte. Mit Blindheit musste ihn Christus in Damaskus schlagen, damit ihm die Augen aufgingen. Nicht wie ein Geländer, sondern wie ein Korsett, das ihn einzwängte, erschien ihm sein Glaube. Vor lauter Eifer, jedem Gebot und jeder religiöser Vorschrift gerecht zu werden, war er blind geworden für Gott und für seine Mitmenschen. Sein Streben nach frommen Leistungen hatte ihm die Liebe aus dem Herzen geraubt, mit der Gott ihm und er Gott begegnen konnte. Mit so viel Blindheit geschlagen, wollte er endlich wieder klar sehen. Aus der Enge seines Denkens und Glaubens wollte er endlich ausbrechen und die Freiheit der Kinder erleben und leben. Gott, dem Vater, der alle seine Kinder voraussetzungs- und bedingungslos liebt, wollte er entgegen gehen – und dem folgen, der Gottes Liebe in der Welt sichtbar und unter den Menschen spürbar werden ließ: seinem Sohn Jesus Christus.</p>
<p>Aus einem, der seinen Glauben zu haben meint, wird einer der, der seinen Glauben wagt und lebt. Aus einem, der in seinen Überzeugungen gefangen ist, wird einer, der sein Vertrauen ganz auf Gott setzt und sich der Bewegtheit der Liebe Gottes und des Lebens stellt. Aus einem, der fest an seinen Überzeugungen fest hält und auf seinem Standpunkt beharrt, wird einer, der sich um Gottes Willen zu den Menschen aufmacht. Wer diesen neu eingeschlagenen Weg des Paulus weiter verfolgt, merkt bald: Ein Spaziergang ist das nicht. Wohl gelingt es ihm immer wieder, Menschen einzuladen, an Jesus Christus zu glauben. Er gründet viele Gemeinden, sogar in Europa. Doch immer wieder stößt er dabei auch an Grenzen: an eigene Grenzen  und an Grenzen, die Gegner ihm setzen. So klar ihm der Wille und Auftrag Gottes ist, dass  die Botschaft allen Menschen in allen Völkern gilt, den Juden wie den Heiden, den Männern wie den Frauen, den Einfachen wie den Gebildeten, den Starken wie den Schwachen, so schwer wird ihm das manchmal in der Praxis. Welchen Stellenwert haben die Frauen in der Gemeinde? Wie ist umzugehen mit den Konflikten zwischen Gemeindegliedern ganz unterschiedlicher Herkunft? Wie kann er mit den Grenzen leben, die ihm seine Gesundheit und seine körperlichen Kräfte setzen? Und was ist zu tun, wenn die eigene Überzeugung nicht verstanden, nicht akzeptiert oder sogar auf’s Schärfste bekämpft wird, sodass er immer wieder verhaftet wird? So schwer und gefährlich, so Kräfte zehrend und oft chaotisch ihm sein Weg bisweilen vorgekommen sein muss – er ist ihm erstrebenswerter und lohnender als die Enge des Herzens und die Beengtheit des Denkens, weil er um das Ziel des Weges weiß, auf dem er ist und zu dem er einlädt. Dieses Ziel steht ihm vor Augen in Jesus Christus, Gottes Sohn. Sein Leben und Reden ist Kriterium seines Lebens und Redens. Sein Leiden und Sterben lässt ihn an den eigenen Schwierigkeiten oder Misserfolgen nicht zerbrechen. Im Gegenteil, er lernt es auch mit den eigenen Schwächen und Grenzen zu leben. Denn auch Jesu Auferstehung steht ihm vor Augen, sein Weg zum Vater in ein neues Leben, ein ewiges Leben im Reiche Gottes. Am Ziel des Weges wird er zugleich am Ziel aller Wünsche und Sehnsüchte nach erfülltem Leben sein. Dort erwarten ihn Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. All dies ist bei Gott zuhause.</p>
<h4>Als Christen gemeinsam unterwegs mit dem Apostel</h4>
<p>Es ist nicht nur der Apostel, der sich danach sehnt. Auch wir haben dieser Sehnsucht in unserem Lied „Wir strecken uns nach dir“ Ausdruck verliehen. Obwohl wir dabei gesessen haben, haben wir uns anstecken lassen von der Bewegtheit des Glaubens, zu der Paulus eingeladen hat. Wir strecken uns nach Lebendigkeit aus – das ist nachfühlbar, Zutrauen zur Barmherzigkeit haben, sich der Wahrhaftigkeit öffnen, sich an der Gerechtigkeit freuen, an Beständigkeit sich halten, nach Vollkommenheit sich sehnen –  wer von uns täte das nicht! Aber dazu braucht es das Strecken und Jagen, das in Bewegung bleiben und Unterwegs sein aus der Enge in die Weite auf das verheißene Ziel zu. Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit, all dies, wonach wir uns sehnen, erwartet uns bei Gott, finden  wir bei Gott. Denn all dies wohnt bei Gott, ist bei ihm zuhause und bei uns höchstens zu Besuch. Aber gerade darin besteht der Ansporn, unseren Glauben nicht nur zu haben und für uns zu behalten, sondern ihn zu leben, andere mit unserer Sehnsucht anzustecken und sie auf unserem Weg aus der Enge in die Weite mit zu nehmen.</p>
<h4>Als Christen unterwegs in unserer Gemeinde</h4>
<p>Ich bin fest überzeugt, dass sich dieser Weg in all seiner Bewegtheit lohnt und dass er zugleich notwendig ist, um auch ja niemanden zu verlieren. Dass diese Gefahr auch in unserer Gemeinde besteht, wird deutlich an der Frage einer für den Herbst geplanten Veranstaltung. Besorgt und provokant zugleich wird hier die Frage gestellt: „Ist der soziale Friede in Spenge bedroht?“ Aber vielleicht muss so provokant gefragt werden, um die Besorgten wahr zu nehmen und ihre Sorgen ernst zu nehmen: die Sorgen der Schülerinnen und Schüler, die trotz Mittlerer Reife oder Abitur keine Lehrstelle bekommen werden. Die Sorgen der ständig mehr werdenden Menschen, die mittwochs bei der „Spenger Tafel“ einkaufen, weil es in der Familie zu wenig Einkommen oder zu wenig Rente gibt. Die Sorgen derer, die wegen Alter oder Behinderung von der Teilnahme am Leben in unserer Stadt und unserer Gemeinde ausgeschlossen sind und unter Einsamkeit leiden. Hier sind wir gefragt, mit wachen Augen und offenen Herzen unseren Glauben zu leben. Niemand soll das Gefühl haben müssen, weil er anders ist oder weniger hat, nicht dazu zu gehören. Denn Gott ermutigt uns, wie Jesus in jedem und jeder den oder die zu sehen, dem seine voraussetzungslose und bedingungslose Zuwendung gilt. Schön wäre es, wenn es da nicht nur die einen und die anderen, die drinnen oder draußen, die oben oder unten gäbe, sondern wir uns gemeinsam auf den Weg machten zum Ziel unserer Sehnsucht, das uns über alle Unterschiede hinweg verbindet: nach Lebendigkeit und Barmherzigkeit, nach Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit.</p>
<h4>Als Christen unterwegs durch unsere Zeit</h4>
<p>Das mag vielleicht nach Überforderung klingen, nach einer Forderung, die vielleicht ein Apostel erfüllen kann, aber wir hier, du oder ich? Auch darauf antwortet Paulus mehr mit seinem Leben als mit seinen Worten. Denn als er seine Zeilen schrieb, konnte auch er nichts tun, ihm waren die Hände gebunden, er saß in Haft. Dennoch konnte sein gelebter Glaube viel bewirken, ermutigen und ermuntern, immer wieder neu unterwegs zu sein aus der Enge in die Weite. Er blieb damit kein Einzelfall. Im Sommer 1944, wohl kurz nach dem im Juli gescheiterten Attentat auf Hitler, schreibt  Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Berlin-Tegel ein Gedicht, dem er den Titel  &#8220;Stationen auf dem Weg zur Freiheit&#8221; gibt. Geschrieben, während seine Haftbedingungen sich verschärfen und die Hinrichtung folgen wird, wurde es für viele Christen zur ermutigenden Herausforderung. Unter dem Stichwort „Tat“ schreibt er (D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1979, S. 403):    &#8220;Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,<strong> </strong>nicht im Möglichen schweben; das Wirkliche tapfer ergreifen,<strong> </strong>nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.<strong><br />
</strong>Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,<strong> </strong>nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,<strong> </strong>und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen&#8221;.</p>
<p>Derart ermutigt, spricht nichts mehr dagegen, unsere engen Grenzen von Gott sprengen zu lassen und tapfer zu überschreiten, weil Gott es ist, der uns wandelt und auf unseren Wegen aus der Enge in die Weite begleitet.</p>
<p>Amen.</p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>Meine Füße auf weitem Raum, Margot Käßmann</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2010/07/meine-fuesse-auf-weitem-raum-margot-kasmann/</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Jul 2010 15:20:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Empfehlend sei auf diese kleine Predigtsammlung der hochgeschätzten  früheren Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche Hannover und  Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland hingewiesen.  Margot Käßmann durchwandert in den dreizehn zusammengestellten Predigten  einen weiten Raum. Sie verliert dabei nicht den Kontakt zu ihrem  Christsein, ihren Anliegen in dieser Welt und ihrer Lesergemeinde. In  ansprechender  Aufmachung und gut lesbarer Großschrift fühlt man sich  als Leser oder Leserin eingeladen, sich in die Weite ihrer  Bibelauslegungen mitnehmen zu lassen und wird Nahrung für die Seele  finden.</p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } -->Margot Käßmann, Meine Füße auf weitem Raum, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main, 2009, chrismon edition (Texte für die Seele), 235 S.</p>
<p>Empfehlend sei auf diese kleine Predigtsammlung der hochgeschätzten früheren Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche Hannover und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland hingewiesen. Margot Käßmann durchwandert in den dreizehn zusammengestellten Predigten einen weiten Raum. Sie verliert dabei nicht den Kontakt zu ihrem Christsein, ihren Anliegen in dieser Welt und ihrer Lesergemeinde. In ansprechender  Aufmachung und gut lesbarer Großschrift fühlt man sich als Leser oder Leserin eingeladen, sich in die Weite ihrer Bibelauslegungen mitnehmen zu lassen und wird Nahrung für die Seele finden.</p>
<p>Im Vorwort führt Margot Käßmann ihre Predigten als seelsorgliche Predigten ein, die stärken, heilend wirken, ermutigend und bildend sein sollen. Sie stellt sie gelingend in den Kontext unseres Lebens und unserer Zeit  und wird damit viele Menschen erreichen. Drei Predigten habe ich ausgewählt, auf die ich besonders eingehen möchte. Die Predigt zu Johannes 1, 23-24, dem Text der Taufe Jesu durch Johannes, die Margot Käßmann unter das Thema „Evangelisch: kritisch und frei“ stellt. Hervorragend gelingt es ihr, das evangelische Profil herauszuarbeiten; die Predigt zu Lukas 10, 25-37, eine Bibelarbeit in einem Predigtband, und eine wirklich seelsorgerliche Predigt: „Heilung für unsere geschundenen Seelen“ zu Matthäus 15, 21-28.</p>
<p>„<em>Evangelisch: kritisch und frei“</em>,  Predigt zu Johannes 1, 23-24</p>
<p>Gelungen führt uns die Autorin auf der Grundlage des Bibeltextes als evangelische Christen und Christinnen zu dem Profil unseres protestantischen Glaubens. Die Bibelverse stellt sie an den Anfang und lenkt dann den Blick auf das Verhältnis der beiden Männer zueinander. Die Taufe Jesu durch Johannes in den Mittelpunkt stellend lässt sie uns auf den Beginn ihrer Beziehung zurückschauen. Diese beginnt im Lukasevangelium mit der Begegnung der beiden werdenden Mütter Maria und Elisabeth und dem Hüpfen des Kindes Johannes im Bauch der Elisabeth (Lk 1). Wir werden eingeladen, in die Zukunft der beiden Männer zu blicken und die Erkenntnis des Johannes wahrzunehmen: Jesus ist der Messias. Margot Käßmann schildert eindrücklich, wie der charismatische Johannes vermitteln kann, wer dieser Jesus ist. Sie greift die Bilder von Lamm und Taube auf, welche Johannes verwendet, und malt uns die Kraft der Aussagen, die in diesen Bildern steckt, eindrücklich vor Augen.</p>
<p>Das Zentrum des Bibeltextes, die Taufe, stellt sie erneut in den Mittelpunkt und benennt die Taufe als das entscheidende ökumenische Symbol, den Konsens bei allen Unterschieden unserer christlichen Konfessionen. Margot Käßmann sieht dies als ökumenische Chance und führt uns  zu unseren evangelischen Grundüberzeugungen. Sie schildert die Bedeutung unserer Freiheit, der Rechtfertigung aus Gnade, dem Priestertum aller Getauften, der Vielfalt der Meinungen sowie die Bedeutung des Zusammenhaltens von Glaube und Vernunft. Präzise, kurz und verständlich ohne „erhobenen Zeigefinger“ spiegelt sie unsere Überzeugungen wieder und endet damit, dass wir mit anderen Kirchen gemeinsam in der Nachfolge des Mannes stehen, den Johannes zuerst als Sohn Gottes erkannt hat. So gelingt ihr der Bogen, ausgehend von dem Taufgeschehen, in dem Johannes erkennt, um was und wen es in seiner Begegnung geht, worum es mit unserer Erkenntnis in der Begegnung mit und in der Nachfolge Jesu geht. Eine Predigt, die Alle lesen sollten, die ökumenische Verbindung suchen und sie leben wollen, aber ihr evangelisches Profil schätzen und ihre Rückbesinnung darauf auch immer wieder brauchen. Zu empfehlen wäre sie auch den Menschen, die keine konfessionellen Unterschiede mehr wahrnehmen oder kennen.</p>
<p>„<em>Barmherzig sein – mit sich selbst und anderen“</em>, Predigt zu Lukas 10, 25-37, dem Gleichniss vom barmherzigen Samariter.</p>
<p>Keine Predigt sollte so lang sein wie diese, aber vielleicht ist es mit den Bibelarbeiten auf dem Kirchentag ja etwas anders. Dass es eine Kirchentagsbibelarbeit ist, erfährt man erst am Schluss der Ausführungen (ein Hinweis darauf am Anfang wäre sinnvoll gewesen, der Leser/die Leserin würden vielleicht diese Länge, die Ausführlichkeit und das Aufnehmen immer wieder neuer Aspekte geduldiger annehmen). Margot Käßmann fängt ganz humorvoll mit der Schilderung einer originellen Begebenheit an, eine schöne Hinführung zu dem sehr bekannten Text. „O mann, die story kenn ich schon“, diese zitierte Aussage eines Kindes  habe ich dann beim Weiterlesen der Auslegung oft gedacht. So wird ausführlich das Liebesgebot erläutert und mit Beispielen veranschaulicht. Kein Beispiel ist unwichtig, aber immer wieder schlich sich bei mir der Gedanke ein, dass ich als Leserin bzw. Hörerin diese Story doch schon kenne. Darum die leise Anfrage: Brauche ich so viele Beispiele, um etwas deutlich werden zu lassen? Was frisch in unseren Alltag übersetzt angefangen hat, beginnt, sich irgendwann in die Länge zu ziehen oder gar langweilig zu werden. Frau Käßmann nimmt die Leser und Leserinnen mit, um das biblische Geschehen auf vielfältige Situationen zu beziehen; sie benennt die Zeit des Nationalsozialismus,  die Armut bei uns, die Armut in Südindien, die  Globalisierung und ihre Folgen in Kolombien und Indonesien, die USA und die afrikanischen Flüchtlinge, Äthiopien und die Weltwirtschaftsprobleme, die Weltethikprobleme und weitere bedrängende Anhaltspunkte. Vieles wird hier aber (dies sei kritisch angemerkt) nur angedeutet, das jedoch Erklärung bräuchte, und Einiges wird besprochen, das eher als bekannt vorausgesetzt werden kann. Doch finden sich anregende, auch neue Gedanken, welche die Autorin in den Zusammenhang mit dem Bibeltext stellt.</p>
<p>„<em>Heilung für unsere geschundenen Seelen“</em>, Predigt zu Matthäus 15, 21-28</p>
<p>Diese Predigt kann heilsam wirken. Jesus begegnet im Bibeltext der kanaanäischen Frau, die um die Heilung ihrer kranken Tochter ringt und Jesus um Hilfe anfleht. Darauf will sich Jesus gar nicht einlassen und argumentiert, dass er nur für sein jüdischen Volk zuständig sei. Die Kanaanäerin  nimmt Jesu abweisende Argumentation auf, erweitert die Sicht und erreicht die Heilung der Tochter. Margot Käßmann lässt von Anfang an persönliche Betroffenheit zu, bleibt aber stets im Kontakt mit dem Bibeltext. Sie nimmt geschickt den gesellschaftlichen Kontext von damals wie von heute in den Blick, denn wieviele Eltern ringen um ihr Kind, und wieviele Frauen geraten ins Abseits, weil sie Mutter sind. Dazu das Jesusbild: Geschickt schildert uns Margot Käßmann einen Jesus, der sich auf einen Lernprozess einlassen muss, und sie eröffnet uns so ein Gottesbild, das lebensmutig macht. Sie verweist darauf, dass Gott eben nicht der entrückte Weltenlenker ist, sondern der in Christus offenbare Gott, er hat eine Geschichte mit uns Menschen. Es gelingt ihr, klar zu machen, dass Gott oder Jesus keine starren Größen sind, sondern dass in der Begegnung mit ihnen Entwicklung möglich ist, ganz so wie in der Begegnung zwischen Jesus und dieser Frau.</p>
<p>Die Predigerin führt uns zu der Erkenntnis, dass es um ein umfassendes Geschehen zwischen Göttlichem und Menschlichem geht, ein Geschehen, welches heilend in die Zukunft wirken kann. Ein empfehlenswerter „Text für die Seele voller Hoffnung und Engagement“. Ich wünsche dem Buch viele aufmerksame Leser und Leserinnen, denn es lohnt sich, sich auf die Gedanken von Margot Käßmann einzulassen.</p>
<p>Petra Neumann-Janssen</p>
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		<title>Zuspruch und Anspruch</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2010/07/zuspruch-und-anspruch/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 20:54:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Jesus traut uns viel zu. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt er in der  Bergpredigt. Wobei wir allerdings nur unsere Gemeinde einmal kritisch  anschauen müssen, um zu erkennen: Manchmal verbreiten wir mehr  Finsternis als Licht, manchmal verdunkeln wir die Botschaft Jesu mehr  als wir sie erhellen. Und dennoch sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der  Welt“.</p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jesus traut uns viel zu. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt er in der Bergpredigt. Wobei wir allerdings nur unsere Gemeinde einmal kritisch anschauen müssen, um zu erkennen: Manchmal verbreiten wir mehr Finsternis als Licht, manchmal verdunkeln wir die Botschaft Jesu mehr als wir sie erhellen. Und dennoch sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der Welt“. Gewiss: Licht der Welt sind wir dann, wenn wir uns an ihn, an das Licht schlechthin, halten. Unsere Aufgabe ist es, sein Licht leuchten zu lassen. Jesus traut uns zu, dass wir das können.</p>
<p>Ich hatte während des Studiums einen Professor, der dieses Zutrauen in seine Schüler zu seinem pädagogischen Prinzip gemacht hatte. Heinz Eduard Tödt, Professor für Sozialethik in Heidelberg, leider schon Anfang der 90er Jahre verstorben, hat vergleichsweise wenige Bücher und Aufsätze geschrieben, dafür aber umso mehr Zeit auf die Begleitung und Beratung seiner Studenten verwandt. Wenn er einem eine Aufgabe stellte, vor der man selber zurückschreckte, weil man sie sich nicht zutraute, dann sagte er nur: „Das schaffen Sie schon“. Und er hat einen dann so beraten, dass man es tatsächlich schaffte. Sein Vertrauensvorschuss setzte Motivation und Kräfte in einem frei, die man selber nicht erwartet hätte. Der Abschnitt aus dem Epheserbrief will uns dazu ermutigen, dem Anspruch zu entsprechen, der aus dem Zuspruch Jesu, Licht der Welt zu sein, folgt.</p>
<p>(Lesung des Predigttextes)</p>
<p>Ihr seid Kinder des Lichts. Nun lebt auch entsprechend. Dass der Autor des Epheserbriefs uns dazu auffordern muss, zeigt, dass wir das Licht Christi nicht immer so leuchten lassen, wie wir es eigentlich sollten und auch könnten. Wo das Licht Christi aufscheint, da bleibt es nicht wirkungslos. Die Frucht des Lichts ist lauter Güte, sagt der Autor des Epheserbriefs. Ein Mensch, der vom Licht Gottes ergriffen ist, will das Gute tun, dem Willen Gottes entsprechend handeln. Das Licht Gottes bringt den Christen zu gutem, Gott gemäßem Handeln in „Gerechtigkeit und Wahrheit“. In diesen zwei zuletzt genannten Näherbestimmungen des Gutseins klingen die beiden Grundfunktionen des Lichts an: Wärme und Helligkeit. Denn ein Handeln in Gerechtigkeit meint in der Bibel immer ein Handeln für die Gemeinschaft, besonders die Solidarität mit den Verlierern in einer Gesellschaft. Hier ist Herzenswärme gefragt als Wirkung des Lichts Christi.</p>
<p>Ohne wärmendes Licht kann kein Leben gedeihen. Ohne Licht wächst keine Pflanze. Ohne Wärme bleibt alles starr und kalt. Und das gilt auch im übertragenen Sinn für unser Leben, das ohne Wärme und Zärtlichkeit und Liebe nicht lebenswert wäre. Viele Menschen leben zurückgezogen, vereinsamt mitten unter uns. Ich denke besonders an eine Frau aus unserem Ort, die kaum noch etwas sieht: Sie ist über 90 Jahre alt. Vor fast 30 Jahren ist sie Witwe geworden und vor fünf Jahren ist ihr einziger Sohn gestorben. Seither lebt sie allein und wartet darauf, sterben zu dürfen. Immer wenn ich sie besuche, berichtet sie mir freudestrahlend, dass sie von Gemeindegliedern, von ehemaligen Nachbarn und auch von Freunden ihres verstorbenen Sohnes besucht wird. All diese Besucher bringen Wärme in das Leben dieser Frau und ein bisschen Licht von Christus. – Ich bewundere sehr, wenn in Familien die alt gewordenen Eltern gepflegt werden. Das hat hier im dörflich geprägten Heddesheim eine besondere Tradition. Aber manchmal geht es nicht mehr zu Hause, weil der Pflegebedarf zu groß geworden ist. Besonders beim Vorliegen einer Demenz ist es manchmal unumgänglich, ein geeignetes Pflegeheim zu finden. Wie gut, dass wir unser „Haus am Seeweg“ haben, wo solche Menschen liebevoll betreut und versorgt werden. Auch sie bekommen die Wirkungen des wärmenden Lichts zu spüren, das Menschen im Auftrag Gottes über sie scheinen lassen.</p>
<p>Aber das Licht wärmt nicht nur, es macht auch hell, es klärt auf. „Wahrheit“ im biblischen Sinne meint das Offenbarwerden der guten Ordnungen Gottes und das Festhalten an ihnen; sie äußert sich in der Aufklärung über den Willen Gottes. Freilich nicht im Sinne eines Enthüllungsjournalismus, der im Dreck wühlt, um Missstände aufzudecken. Unser Autor ist vielmehr der Überzeugung, dass dort, wo das Licht Christi leuchtet, das Schändliche ohne unser Zutun offenbar werden wird. Das gute Beispiel wird sich automatisch vom bösen Handeln abheben. Wir wünschen uns, dass unser Leben hell und klar ist. Wo es hell ist, da fühlt man sich sicher. Da kann keine Unsicherheit und Beklemmung auftreten, ganz im Gegenteil: Da fühlt man sich frei und ungezwungen. So sollen und wollen Christen ihr Leben führen: Hell, klar, offen, ehrlich. Das wird dann auch Auswirkungen haben auf die privaten und beruflichen Beziehungen und Handlungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Handwerker, der sich als Christ versteht, anderes Material abrechnet als er tatsächlich verarbeitet hat, auch wenn es im Nachhinein kaum mehr zu überprüfen ist. Er wird seine Arbeit gewissenhaft und sorgfältig ausführen. Selbstverständlich wird er keine Schwarzarbeiter beschäftigen oder Steuern hinterziehen. Er wird sich dadurch automatisch von solchen abheben, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind.  – Und wenn einem die Verkäuferin an der Kasse versehentlich zuviel Wechselgeld herausgegeben hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Christ das Geld einsteckt und sich nur denkt: Selber Schuld. Christen sind ehrlich und geben der Wahrheit auch dann die Ehre, wenn es für sie selber zum Nachteil ist. Eigentlich erwarte ich auch, dass ein Fußballspieler zu einem Foul steht und es nicht abstreitet, nur weil der Schiedsrichter es nicht gesehen hat.</p>
<p>Gewiss wird es immer Grauzonen geben und Versuchungen, der finsteren Seite des Lebens nachzugeben. Manchmal wird man nicht so einfach sagen können, wie christliches Handeln aussehen sollte. Dann gilt es zu prüfen, sich gegenseitig geschwisterlich zu beraten und entschlossen den Weg zu gehen, der sich dann erschließt. Wir leben in einer unübersichtlichen Welt, die manche Gefahren birgt. Wer will, dass sein Leben gelingt, der muss sich mit klarem Verstand und Herzenswärme an dem ausrichten, was Jesus vorgelebt hat. Die Augen zu verschließen, bringt uns hier nicht weiter. Aber so wie der Anspruch an ein gelingendes Leben von dem Zuspruch herkommt, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die Licht der Welt ist, so bleibt er auch nicht ohne eine Verheißung: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“</p>
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		<item>
		<title>Einfallstore</title>
		<link>http://www.predigtforum.de/2010/07/einfallstore/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 19:43:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie wird Gemeinde Gemeinde? Gemeindefest, Vereinsfest, Schulfest, Grillfest, Sommerfest, Abschlussfest – was ist heute dran? Jetzt vor den Ferien drängt sich alles. Man hat Mühe nachzukommen. Diese Zeit im Juli ist ja bald anstrengender als Weihnachten. Und das noch bei der Hitze. Was unterscheidet Gemeinde eigentlich vom Gartenverein – oder vom Handballverein?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde!</p>
<p>Wie wird Gemeinde Gemeinde? Gemeindefest, Vereinsfest, Schulfest, Grillfest, Sommerfest, Abschlussfest – was ist heute dran? Jetzt vor den Ferien drängt sich alles. Man hat Mühe nachzukommen. Diese Zeit im Juli ist ja bald anstrengender als Weihnachten. Und das noch bei der Hitze. Was unterscheidet Gemeinde eigentlich vom Gartenverein – oder vom Handballverein? Die Feierei jedenfalls nicht. Ich frage lieber so: Wer unterscheidet Gemeinde  von einem Verein? Dann bekomme ich eine Antwort: Der heilige Geist. Der unterscheidet christliche Gemeinde von der Rheuma-Liga oder von der Belegschaft eines Betriebs. Jedenfalls erst der heilige Geist und dann vielleicht noch ein paar andere Dinge. Der heilige Geist weht wo er will. Aber er sucht Einfallstore um seine Einfälle loszuwerden, um uns seine guten Ideen für Gemeinde wissen zu lassen. Er schafft uns Einfallstore, durch die wir gehen können mit unseren Einfällen, um uns der Gegenwart des Geistes zu vergegenwärtigen. Von solchen Einfallstoren hören wir in der Apostelgeschichte.</p>
<p>(Lesung des Predigttextes)</p>
<h4>Gastfreundschaft</h4>
<p>Beachtlich. 3000 machen den Anfang, aber längst noch nicht das Ende. „Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ Wie im Märchen. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Ein Gemeindemärchen. Die Einfallstore müssen damals riesig groß gewesen sein, und die Einfälle des heiligen Geistes einander überschlagend. Dabei werden sie eher beiläufig erzählt und klingen nicht nach großem Aufwand. „Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen.“ Annehmen muss eigentlich „aufnehmen“ heißen – aufnehmen wie einen lieben Gast. Manche werden vom Sommerurlaub zurückkehren, aus der Türkei oder aus Bosnien oder noch einem ferneren Land und davon schwärmen: von der Gastfreundschaft. Die haben selber nichts und behandeln einen wie Könige. Das bleibt hängen. Gastfreundschaft bewegt und hinterlässt einen tiefen Eindruck.</p>
<p>Gastfreundlich hatten einst die Menschen in den galiläischen Dörfern Jesus aufgenommen. „Als Jesus zurück kam, nahm ihn das Volk auf, denn sie warteten alle auf ihn“, steht im Lukasevangelium. Die Leute haben keine Angst gehabt, sich Jesus gegenüber zu irgendetwas verpflichten zu müssen. Oder dass Jesus ihre Gastfreundschaft ausnutzt. Er war einfach willkommen bei ihnen. Genauso gastfreundlich hat aber umgekehrt auch Jesus die Menschen bei sich aufgenommen. Im Lukasevangelium wird auch erzählt, wie Jesus einmal mit seinen Jüngern allein sein wollte. Dann kamen aber viele und wollten in seiner Nähe sein. Und Jesus warf seine Pläne um, ließ die Leute zu sich, sprach freundlich mit ihnen und behandelte sie wie gern gesehene Gäste. Spontaneität und Flexibilität sind Zeichen guter Gastfreundschaft. Nicht Perfektion. Aber ein Herz das offen ist und bereit. Und ein bisschen neugierig vielleicht auch, eben so, wie einen gern gesehenen Gast, freundlich und erwartungsvoll zugleich, nahmen die Menschen das Wort von Jesus auf. Als ob das Wort ein Mensch wäre. Als ob Jesus selbst wieder da wäre und mit ihnen sprach. Dieselbe helle Leichtigkeit, dieselbe Wärme, dasselbe Gefühl: Hier und jetzt geschieht etwas, das ganz stark und unmittelbar mit Dir zu tun hat. Jesu Wort aufnehmen wie einen lieben Gast – dann fühlen wir uns selbst willkommen geheißen von ihm. Ein Gefühl, das man nicht mehr missen möchte. Der Rest ergab sich wie von selbst. Oder wie vom heiligen Geist gewirkt:  „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel“. Es gehört Ausdauer dazu sich belehren zu lassen. Dieser Gast kann manchmal auch anstrengend sein. Aber das Gefühl, selbst willkommen zu sein, das kehrt immer wieder.</p>
<h4>Einfach zusammen sein</h4>
<p>Aus dieser Gastfreundschaft ergab sich noch eine andere. Die zwischen ihnen selber nämlich. Es fing ganz harmlos an. Zweimal heißt es in unserem Abschnitt: Sie waren beieinander. Einfach eine Anzahl von Menschen zur selben Zeit am selben Ort. So wie wir hier in der Kirche sitzen und nachher wieder auseinander gehen – aber vielleicht am nächsten Sonntag wieder kommen. So wie wir beim Kirchenkaffee zusammen sitzen, beim Kindergartenfest oder in der Kantorei. Über ihr Verhältnis zueinander werden die ersten Christen damals gar nicht nachgedacht haben. Das ergab sich. Oder: Das schenkte der heilige Geist. Einmütig, heißt es, seinen sie gewesen. Aber nicht „immer lächeln, immer freundlich“. In „einmütig“ steckt „Mut“ drin. Auch „Leidenschaft“ und „Zorn“. Gefühle wagten sie jedenfalls zu zeigen, diese ersten Christen. Auseinandersetzungen und Vertrauen, beides haben sie riskiert.</p>
<h4>Das Notwendige teilen</h4>
<p>Besonders dicht rückte er ihnen aber auf den Leib, der heilige Geist, wenn es leiblich wurde bei ihnen. Jesu Gastfreundschaft erlebten diese ersten Christen am intensivsten dann, wenn sie Abendmahl miteinander feierten. Das hatten schon die Jünger Jesu getan und den Kreis wie selbstverständlich erweitert. Sie brachen das Brot – das Lebensnotwendige. Einigen von ihnen wird man nicht extra beigebracht haben müssen, dass Brot ein notwendiges Lebensmittel ist. Das Brot zu brechen ließ sie mitten im Empfangen auch die eigene Bedürftigkeit spüren. Man könnte auch zu denen gehören, denen das Brot einmal ausgeht. So lernten sie wie von selbst aufeinander achten – und auch das war ein Geschenk des Geistes. „Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.“ Diesen Verteilerschlüssel schafft keine Sozialgesetzgebung. Dazu muss man zusammen gewachsen sein und einander gut kennen. Man braucht dann nicht viele Worte zu machen. Im Abendmahl erfahren wir, dass Bedürftigkeit, welcher Art auch immer, jeden treffen kann. Und dass jeder arm ist und reich zugleich.</p>
<h4>Essen und jubeln</h4>
<p>Ich stelle mir vor, liebe Gemeinde, so ein wenig Abendmahlscharakter hat der heilige Geist in seinem Einfallsreichtum allen Mahlzeiten gegeben, zu denen diese ersten Christen zusammen kamen. Nicht wie zu einem Gemeindefest. Eher als Menschen, die froh sind, wenn nach einen anstrengenden Arbeitstag überhaupt etwas auf dem Tisch steht. Ich sehe sie vor mir, wie sie ohne viel zu reden das einfache Mahl zu sich nahmen, müde und hungrig. Aber dankbar und, wie es heißt, voller Freude. Das einfache Essen ließ sie in Jubelgesänge ausbrechen – Jubelgesänge, die sich bis in den Tempel hinein fortsetzten! Gerade an dem Einfachen erlebten sie Gottes Freude. Gerade bei diesen Mahlzeiten wachte die Jesus-Atmosphäre wieder auf, in der das Leben machbar erschien und schön, voll Hoffnung und irgendwie „richtig“. So, wie es in den Worten Bert Brechts Maria schon an Weihnachten erfuhr:</p>
<p>Alles dies<br />
kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war<br />
Gesang liebte<br />
Arme zu sich lud<br />
und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben<br />
und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.</p>
<p>Und sie lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>&#8220;Wir können neu ins Leben gehen&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Jul 2010 20:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Der 6. Sonntag nach Trinitatis möchte uns an die Taufe erinnern und zur Besinnung darüber einladen. Darum heute die Schale mit Wasser und die Kerze, die beim Betreten der Kirche nicht zu übersehen war. Darum auch dieser Predigttext, ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die jungen christlichen Hausgemeinden in Rom, geschrieben im Frühjahr 56 n. Chr., am Ende seiner dritten Missionsreise.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde!</p>
<h4>Tauferinnerung</h4>
<p>Der 6. Sonntag nach Trinitatis möchte uns an die Taufe erinnern und zur Besinnung darüber einladen. Darum heute die Schale mit Wasser und die Kerze, die beim Betreten der Kirche nicht zu übersehen war. Darum auch dieser Predigttext, ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die christlichen Hausgemeinden in Rom, geschrieben im Frühjahr 56 n. Chr. am Ende seiner dritten Missionsreise.</p>
<p>&#8220;Ihr müsst euch doch darüber im klaren sein, was bei der Taufe mit euch geschehen ist&#8221;, schreibt der Apostel und ist offensichtlich der Meinung, dass die jungen christlichen Gemeinden daran erinnert werden müssen, was es bedeutet, getauft zu sein. Sind wir uns heute darüber im Klaren, was bei der Taufe mit uns geschehen ist?</p>
<h4>Neues Leben</h4>
<p>Was bedeutet es für uns, getauft zu sein? &#8211; Ich habe einige mir bekannte und unbekannte Menschen danach gefragt. Hören wir aus dem Interview.<br />
- (Angestellter): Taufe, oh, eine gute Frage. Damit habe ich mich in den letzten Jahren gar nicht befasst. Ich bin auch kein großer Kirchgänger, das muss ich Ihnen ehrlich sagen. Gut, das ist &#8211; was soll man da sagen &#8211; das ist wirklich eine gute Frage&#8230;<br />
- (Ehrenamtliche Mitarbeiterin): Durch die Taufe bin ich ein Mitglied der Kirche. Für mich bedeutet die Taufe ein Stückchen Bewahrung in Gott.<br />
- (Kind, 2. Klasse Grundschule): &#8230;Ich wurde getauft, als ich im Kindergarten war. Viele Kinder waren mit dabei. Wir haben gefeiert. Jetzt gehöre ich zu Gott und zu Jesus. In der Religionsstunde und im Kindergottesdienst haben wir Geschichten zur Taufe gehört und durften ein Bild dazu malen. Meine Eltern haben ein Foto von meiner Taufe.<br />
- (Friseurin): Taufe bedeutet die Aufnahme in eine christliche Gemeinschaft. Die Taufpaten versprechen, zusammen mit den Eltern das Kind christlich zu erziehen und auch für das Kind da zu sein, wenn sie gebraucht werden.<br />
- (Jurastudent): Taufe ist für mich das Einsteigen eines Menschen in den Glauben, in das Zusammensein, das lebendige Zusammensein mit Gott.<br />
- (Kirchlicher Mitarbeiter): Taufe bedeutet für mich, dass ich mich zu Jesus Christus bekenne und in seinem Sinn glaubwürdig lebe.<br />
- (Konfirmand): Getauft sein bedeutet: zur Kirche gehören.<br />
- (Theologiestudent in höherem Semester): Taufe ist zeichenhaft ein Segen für das Leben des Täuflings. Alles was den Täufling von Gott trennt, ist gleichsam „abgewaschen“.</p>
<p>So weit das Interview. Taufe bedeutet für die Befragten eine lebendige und glaubwürdige Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus, sie ist Segen und Bewahrung in Gott. Jemand hatte auch Schwierigkeiten damit, etwas über die Bedeutung der Taufe zu sagen &#8211; kein Grund jedoch, auf einen solchen Menschen herabzusehen, vielmehr Grund, ihn mit in das Nachdenken über die Taufe hineinzunehmen. Mit den Ausführungen des Apostels Paulus berühren sich auffallend die im Interview gehörten Worte: &#8220;in Jesus Christus sein und mit ihm zusammen leben&#8221;. &#8220;Wir alle sind »in Jesus Christus hinein« getauft und sind damit in seinen Tod hineingetauft, ja hineingetaucht worden&#8221;, sagt der Apostel, und: &#8220;Durch diese Taufe wurden wir auch zusammen mit ihm begraben. Und wie Christus durch die Lebensmacht Gottes, des Vaters, vom Tod auferweckt wurde, so ist uns ein neues Leben geschenkt worden, in dem wir nun auch leben sollen“.</p>
<h4>Auf den Spuren des österlichen Lebens</h4>
<p><sup>„</sup>Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (V. 5) Die Taufe, so hebt Paulus hervor, verbindet uns mit dem Leben und Weg Jesu. Das ursprüngliche Hineintauchen bzw. Untertauchen des Täuflings in das Jordanwasser bedeutet Gefährdung und Tod, es ist ein symbolischer Hinweis auf den Tod Jesu, den er für uns auf sich nahm und damit unsere Sünde, unser Fernsein von Gott, abwusch, sie gleichsam ertränkte. Das Herausheben des Täuflings aus dem bedrohlichen Wasser bedeutet Leben, Symbol für die Auferweckung Jesu von den Toten durch Gott und seine Lebensmacht. Als Getaufte sind wir hoffnungsvolle, die Spuren des österlichen Lebens suchende, bewahrte, gesegnete, von Gott geliebte Menschen. Von dem indischen Dichter Rabindranath Tagore (1861-1941) stammt der Ausspruch: &#8220;Jedes Kind bringt die Botschaft, dass Gott die Lust am Menschen noch nicht verloren hat&#8221;. Die Taufe ist Zeichen für das große liebende Ja Gottes zu uns Menschen, sein Segen über uns. Gott hat uns bei unserem Namen gerufen, wie wir es im Wochenspruch hören: &#8220;Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein&#8221;. Wir sind vor Gott unverwechselbar und unaustauschbar, so wie wir sind angenommen und geliebt. Gottes Liebe in Jesus Christus ist kein softes &#8220;Gott hat euch alle lieb&#8221;, sondern Jesus ist für uns den schwersten Weg gegangen, den Weg ans Kreuz und in den Tod. Damit sind wir von der Sünde, der uns gefangen nehmenden und von Gott trennenden Macht, ein für alle Mal erlöst und befreit zu einem dankbaren, in Gott bewahrten Leben.</p>
<h4>Trost</h4>
<p>&#8220;Wenn wir nun mit Christus gestorben sind, werden wir auch zusammen mit ihm leben“, so fast Paulus die Symbolik der Taufe zusammen. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb an sein Patenkind: &#8220;Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über dir ausgesprochen&#8230;, ohne daß Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, daß wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können&#8230; Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Möchtest Du zu ihnen gehören&#8230;&#8221; Kann dies anders geschehen als aufzublicken auf den einen Gerechten und im Bewusstsein des Trostes, der in der Taufe zeichenhaft lebendig ist? Von Martin Luther ist bekannt, dass er in schwierigen Zeiten seines Lebens sich immer wieder daran klammerte, dass er getauft, &#8220;hineingetaucht&#8221; in Jesus Christus war und sich dadurch von Gott getröstet wusste, angenommen, geliebt und so mit neuem Leben und Lebensmut beschenkt. Es ist, wie es in einem Lied heißt: „Wir können neu ins Leben gehen“ (EG 432).</p>
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		<title>„Ein Stückchen Holz“</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Jun 2010 21:16:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Manche von uns klagen darüber, dass sie es „im Kreuz haben“. Dabei wissen wir, dass jeder von uns sein „Kreuz zu tragen hat“. Man kann „drei Kreuze machen“, wenn es einem gut geht. Andere beschweren sich, wenn sie „zu Kreuze kriechen müssen“. Froh sind wir allerdings, wenn wir mit niemandem „über Kreuz liegen“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Das Kreuz – eine Torheit</h4>
<p>Manche von uns klagen darüber, dass sie es „im Kreuz haben“. Dabei wissen wir, dass jeder von uns sein „Kreuz zu tragen hat“. Man kann „drei Kreuze machen“, wenn es einem gut geht. Andere beschweren sich, wenn sie „zu Kreuze kriechen müssen“. Froh sind wir allerdings, wenn wir mit niemandem „über Kreuz liegen“. Und wer wünscht sich schon, „aufs Kreuz zu fallen“ oder „aufs Kreuz gelegt“ zu werden. Das Kreuz selbst ist seit geraumer Zeit in das „Kreuzfeuer geraten“. Die Diskussion um das Kreuz geht „kreuz und quer“. Darüber ist der eine oder andere „kreuzunglücklich“. &#8211; Soweit hat sich das Kreuz in unserem Sprachschatz verankert, dass viele Redewendungen daraus hervorgegangen sind, die wir alle kennen oder ab und an auch selbst gebrauchen.</p>
<p>Vor kurzem ist die Diskussion darüber wieder aufgeflackert, ob Kruzifixe in öffentlichen Schulen hängen sollen, dürfen, können. Die neue Sozialministerin Aygül Özkan in Niedersachsen hat sich zu Wort gemeldet. Die türkischstämmige CDU-Politikerin Özkan, die in Hannover zur Ministerin ernannt wurde, hatte gesagt, christliche Symbole gehörten nicht in staatliche Schulen, die ein neutraler Ort sein sollten. Damit trat sie eine alte Debatte um Kreuze in Klassenzimmern wieder los. Bereits 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht die Anordnung in der bayerischen Volksschulordnung zur Anbringung von Kreuzen als verfassungswidrig aufgehoben. Die Regelung verstoße gegen das Grundrecht auf Religionsfreiheit und die staatliche Neutralitätspflicht, befanden die Karlsruher Richter damals. Nach massiven Angriffen aus der Union lenkte die niedersächsische Sozialministerin Özkan allerdings ein: Kruzifixe an öffentlichen Schulen hält sie nun doch für tolerabel.</p>
<p>Kreuze treffen wir nicht nur in Schulen oder auf Friedhöfen. Im Vorbeifahren entdecken wir immer wieder ein Kreuz am Straßenrand. Manchmal ist es von frischen Blumen umgeben. Manchmal erkennen wir einen Name mit einem Datum darauf. Wir wissen sofort, was uns dieses Kreuz sagen will. Es ist der Ort, an dem ein Mensch sein Leben verloren hat. Ein Ort der Trauer und des Schmerzes für die Angehörigen. Vielleicht ist es auch eine Mahnung an die Vorbeifahrenden, achtsam und vorsichtig im Straßenverkehr zu sein.</p>
<p>Im Jahr 1856 machten Forscher auf dem Palatin in Rom eine interessante Entdeckung. Als sie den Trümmerschutt aus einer alten römischen Kadetten-Anstalt entfernt hatten, fanden sie an der Wand ein Kreuz. Es war mit einem Nagel oder einem Messer primitiv in den Wandverputz eingeritzt. Ein Junge hebt grüßend, betend seine Hand zum Kreuz hin. Am Kreuz hängt ein Mann. Aber sein Kopf ist ein Eselskopf. Darunter steht in ungelenken Buchstaben: Alexamenos sebete theon &#8211; Alexamenos betet seinen Gott an! Es ist also eine Karikatur, ein Spott-Kruzifix. Die Forscher glauben, es müsse in der Zeit von 123 bis 126 nach Chr. entstanden sein. Eines der frühesten Bilder des Kreuzes. Aber ein Spott-Bild. Gott am Kreuz? Dieser Gott ist ein Esel, und wer ihn anbetet, ist es auch! 1870 entdeckten Forscher in einem anderen Raum die eindeutige Antwort des jungen Christen Alexamenos. Auf dem Sockel unter dem Standbild des Kriegsgottes Mars stand, mit einem Nagel eingeritzt: Alexamenos fidelis &#8211; Alexamenos bleibt treu und gläubig!</p>
<h4>Das Kreuz – eine Weisheit</h4>
<p>Letzte Woche in einer Straußwirtschaft im Grünen fiel mir die bedienende Frau auf, die um ihren Hals ein sehr auffälliges Kreuz trug, sogar mit dem Corpus Christi. Mir fällt es schwer zu denken, dass dies sich jemand nur umhängt, weil es schick aussieht. Denn bei solch einem „Schmuckstück“ kann man nie vor Spott sicher sein. Ich vermute mehr dahinter und glaube: Da will jemand offensichtlich kundtun, dass das Kreuz für ihn eine besondere Bedeutung hat und mehr ist als nur ein schmückendes Etwas an einer goldenen Kette. Es ist das offene Bekenntnis zum christlichen Glauben.</p>
<p>Für den Apostel Paulus hat die Welt es nicht geschafft, mithilfe ihrer Weisheit und klugen  Wissenschaft Gott zu erkennen. So hat sich Gott einen anderen Weg ausgesucht, einen törichten im Grunde, der vor Spott nie sicher sein kann. Der gekreuzigte Christus ist für den Apostel Paulus Gottes Kraft und Weisheit. Ganz anders als von uns erwartet und erhofft zeigt sich Gott in der Schwäche, nämlich in der Schwachheit des Gekreuzigten. Und damit in der Torheit des Kreuzes. So stellt sich für einen jeden von uns die Frage: Was bedeutet dir das Kreuz? Auf logischem Wege können wir hier keine Antwort geben. Die Weisheit ist in dieser Frage Torheit. Wir sind emotional gefordert und fragen: Erregt das Kreuz ein Ärgernis, wenn wir es – wo auch immer – sehen? Möchten wir es aus unseren Augen verbannen? Oder verbindet sich mit diesem Kreuz unser Glaube an den Gekreuzigten? Sehen wir im Kreuz das Zeichen von Erlösung und Hoffnung? Und ist es wirklich Zeichen unseres Glaubens?</p>
<h4>Das Kreuz – Kraft Gottes</h4>
<p>Religionsstunde. Hannes hat eine Frage, die ihn anscheinend sehr beschäftigt. „Warum nur haben viele Christenfamilien ein Kreuz in der Wohnung?“ – „Zeichen der Auferstehung wäre besser“, meint ein anderer- Da setze ich mich zu meinen Buben und erzähle ihnen eine Geschichte: Großvater ging mit Michael spazieren. Es war ein eiskalter Winternachmittag. Michael freute sich an Eis und Schnee, hopste, stapfte. Der Großvater folgte ihm lächelnd, aber mühsam. Sein Herz war krank, schon sehr krank. Michael wollte zum Teich. Dieser war zugefroren, stocksteif! „Das muss herrlich zum Eislaufen gehen“, rief Michael, „wenigsten rutschen und schlittern möchte ich einmal probieren!“ Großpapa warnte. Dicht am Ufer stand der alte Mann, als Michael schon beide Beine aufs Eis gesetzt hatte. „Komm, Michi …“</p>
<p>Des alten Herrn Ruf kam zu spät. Michael schrie, war eingebrochen durchs Eis, klammerte sich an Rand und Brocken. Zitternd streckte der Großvater seinen Stock dem Buben entgegen. Der fasste ihn, zog sich mit aller Kraft empor. Alle seine Kräfte aber setzte der Alte ein, um auf den Beinen zu bleiben, den Stock in den geballten Fäusten zu behalten. Die Rettung gelang. In den Armen des Retters geborgen, so eilends sie konnten, kehrten Michael und Großvater heim. Dem Buben half ein warmes Bad und das Bett über seine Beschwerden, aber für Großvater war dieses Geschehnis zu viel, zu anstrengend, zu aufregend gewesen. Ein heftiger Herzanfall nahm ihm das Leben. Die Trauer seiner Lieben war groß. Bald wollten die Angehörigen das, was dem Großvater gehört hatte, wegräumen, vergeben, verschenken. Mit starrem Gesicht sah Michael zu. „Nein!“ rief er auf einmal, „werft den Stock nicht weg, er gehört mir! Solange ich lebe, will ich den Stecken bei mir haben als Zeichen seiner Liebe zu mir!“ &#8211; Ich brauchte nicht weiterzusprechen. Meine Buben wussten Bescheid. Hannes sagte: „Ich verstehe jetzt, was ein Stückchen Holz einem bedeuten kann …, was den Christen das Zeichen des Kreuzes wert ist.“</p>
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		<title>&#8220;Netzwerker&#8221; Gottes</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 22:16:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer von uns wollte nicht im Paradies leben? Von allen Menschen  verstanden, geliebt und versorgt?! Kein Streit sondern erfüllte  Begegnung zwischen Dir und mir. Und wenn dann Gras über eine Sache  gewachsen ist, kommt irgendein Kamel und frisst das Gras auf: Der  Konflikt bricht wieder auf. Und dann kommen Vorwürfe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde!</p>
<p>Wer von uns wollte nicht im Paradies leben? Von allen Menschen verstanden, geliebt und versorgt?! Kein Streit sondern erfüllte Begegnung zwischen Dir und mir. Und wenn dann Gras über eine Sache gewachsen ist, kommt irgendein Kamel und frisst das Gras auf: Der Konflikt bricht wieder auf. Und dann kommen Vorwürfe.</p>
<p>Ohne Vorwürfe kommen wir in unserem Leben nicht aus. Du bist schuld! Sagt schon das Kind, und die Erwachsenen folgen diesem Leitsatz in ihrem weiteren Leben ohne Bedenken. Denn ich habe recht und bin nicht schuld, sagt das uralte „Reptiliengedächnis“ in uns. Denn sonst bin ich ausgeschlossen, ausgestoßen aus der Gemeinschaft. Ich würde nicht mehr dazugehören, und das bedeutet, kein Lebensrecht mehr zu haben. Und wer will das? Also setzen wir alles daran, recht zu haben, den anderen zu „richten“, wie es in unserer Perikope heißt, oder nach unseren eigenen Maßstäben zu bewerten und zu beurteilen. Können wir eigentlich anders (über-) leben? Was würde geschehen, wenn wir nicht mehr bewerten und be- und verurteilen würden? Entsteht dann nicht sofort die Angst vor Willkür und Chaos?</p>
<p>Wir brauchen heute neue Werte und Normen! Sagen wir. Und tatsächlich: Die „alten“, herkömmlichen Werte haben abgewirtschaftet, gelten nicht mehr, tragen nicht mehr, halten die (post-) modernen Gesellschaften nicht mehr zusammen. Dann suchen die Menschen nach „starken“ Persönlichkeiten, nach Lichtgestalten wie z.B. dem amerikanischen Präsidenten Obama oder der Ex-Bischöfin Margot Käßmann. Oder sie wählen „rechts“, damit wenigstens ein bisschen Ordnung herrscht. Und damit wir uns (wieder) orientieren können in einer orientierungslosen Zeit von Kriegen und Natur- wie auch wirtschaftlichen Katastrophen. Sind nicht all diese finsteren Gedanken verständlich – wie auch der nostalgische Wunsch, die alten Zeiten mögen wieder aufwachen. Aber das geht nicht! Wir können nicht mehr zurück ins Nest der Kindheit, wo wir geborgen waren und keine Verantwortung für uns übernehmen mussten. Doch genau diese Regression praktizieren Menschen aus Angst vor der Zukunft, vor dem Neuen, vor Technologien, für die es keine Technikfolgenabschätzung gibt. Gibt’s keine Alternativen? Kommen wir nicht in die Kirche, um etwas Erbauliches, Tröstliches zu hören? Diese Analysen helfen doch nicht weiter! Was würde Jesus sagen? Was wäre jetzt das Wort Gottes? Was hilft uns weiter in unseren Gedanken wie auch Handlungen am Arbeitsplatz oder in der Familie? Ich glaube, dass der Apostel Paulus damals auch mit Menschen zu tun hatte, die als Christen leben, anders leben wollten und die um Vorschläge gebeten haben: Sag uns, was Christsein konkret bedeutet! Dann hat Paulus sehr pointiert praktisch dreierlei gesagt:</p>
<p>- Hör auf, deinen Nächsten zu beurteilen und zu bewerten – als wäre er ein Nichts!<br />
- Bedenke, wem gegenüber Du verantwortlich bist!<br />
- Richte die Dinge so, dass sie zu keinem (unnötigen) Anstoß werden!</p>
<p>Zum Ersten ist leicht zu verstehen, dass den Anderen degradiert, wenn ich ihn bewerte. Und letztlich nehme ich ihn auch nicht ernst. Auch der “andorranische Jude“, den Max Frisch in einem ergreifenden Schauspiel darstellt, sah so „anders“ aus, dass er schließlich zu dem wurde, was wir in ihm gesehen haben. Er wurde als „Jude“ bewertet und angesehen (der er gar nicht war!), sodass unser Bild von ihm ihn getötet hat. Also mit Martin Luthers Erklärung zum 8. Gebot: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir … Gutes von unserm Nächsten reden und alles zum Besten kehren“.</p>
<p>Das Zweite: Der Mensch ist niemals unabhängig und frei. Wir haben aber die Entscheidung, mit wem oder womit wir uns verbinden wollen. Die Aufklärung hat dies als „Freiheit für oder zu etwas oder jemanden“ bezeichnet. Dennoch gibt es den unstillbaren Drang nach Freiheit z.B. von Gott, von der Gesellschaft, dem Partner. In der Seelsorge und oft auch in der Psychotherapie zeigt sich dann die große Suche nach dem, dem ich mich verantworten kann. Sehr schön formuliert Deuterojesaja diese Sehnsucht: „Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. (45, 24a)</p>
<p>Das Dritte &#8211; ganz praktisch: Macht keinen Skandal, der nur verletzt und schädigt! Das griechische Wort Skandal bedeutet Stolperstein. Stolpersteine aber – wie die Messing-Pflastersteine z.B. in Hamburg – wollen erinnern und innehalten helfen, nachdenken, wo wir vergeben, entschuldigen und erste Schritte machen können.</p>
<p>Damit kommen wir doch noch zu einer „praktischen Christologie“: Paulus hatte noch vor einem Jahr einer Gemeinde in Korinth (2 Kor 5, 17) davon geschrieben, dass ein Christ „in Christus“ sei wie in einem Haus. Wahrscheinlich haben die Leute zurückgefragt: Was hast Du damit gemeint? Der Apostel mag geantwortet haben – mit einer Frage: Wo bist Du zuhause? Wir würden heute formulieren: Von wem oder was bist Du abhängig? Von Geld, Macht, von Deinem Partner, von der Idee, der Schönste, Schnellste, Klügste zu sein? Wieder Martin Luther: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott. Willst Du Dich nicht verbinden mit dem „Geist“, den Jesus in die Welt gebracht hat und damit „in Christus“ sein?! Entsprechend werden wir leben und handeln – je nachdem, womit wir uns verbunden haben. Wer in Christus ist, der geht neue Wege. Der braucht den Nächsten nicht zu bewerten als ob dieser ein Objekt oder Kaufgegenstand wäre. Wer in Christus ist, der weiß, vor wem er Rechenschaft ablegen wird – schon in diesem Leben. Der wird aus Stolpersteinen Wege und Straßen, Wohnungen und Brücken bauen, die Menschen verbinden – untereinander und mit Gott. Der ist ein „Netzwerker“ Gottes. Dann werden wir, wie der Wochenspruch sagt, einer des Anderen Last tragen, sodass jeder frei wird und wachsen kann und selbständig und verantwortlich wird für diese Welt, für sein eigenes Tun und Lassen. Und diese „Last“ wird uns beflügeln. Und wir werden als Christen erkennbar sein, hoffnungs-voll und liebens-würdig. Denn in Christus sind wir neue Menschen.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Verschiedene Wege zum Glauben</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jun 2010 21:02:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Mittelpunkt des Predigttextes steht die Bekehrung des Paulus. Die  dramatische Erzählung in der Apostelgeschichte vor Damaskus kennen wir  wohl alle. Auch wenn im Timotheus-Brief  davon eher sachlich und  nüchtern berichtet wird, geht es um ein dramatisches und  weltgeschichtliches Ereignis. Ohne Paulus wäre das Christentum sehr  wahrscheinlich nur eine judenchristliche Sekte geblieben. Ohne Paulus  gäbe es kein weltweites Christentum, und wir säßen heute nicht in diesem  Gottesdienst.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Mittelpunkt des Predigttextes steht die Bekehrung des Paulus. Die dramatische Erzählung in der Apostelgeschichte vor Damaskus kennen wir wohl alle. Auch wenn im Timotheus-Brief  davon eher sachlich und nüchtern berichtet wird, geht es um ein dramatisches und weltgeschichtliches Ereignis. Ohne Paulus wäre das Christentum sehr wahrscheinlich nur eine judenchristliche Sekte geblieben. Ohne Paulus gäbe es kein weltweites Christentum, und wir säßen heute nicht in diesem Gottesdienst. Jesus selbst sah sich ja in erster Linie zu den verlorenen Schafen des Volkes Israel gesandt ( Mt 15,24 ).  Damit war er in seinem Leben in erster Linie beschäftigt. Petrus dachte ähnlich. Paulus erkannte Jesus nach seiner Bekehrung vom überzeugten Juden zum begeisterten Christen den auferstandenen Jesus ganz und gar als Messias, als Christus, an. Gleichzeitig war ihm , der in der Multikulti-Stadt Tarsus aufgewachsen war, ganz deutlich, dass Jesu Heil allen Menschen gilt. Denn der Auferstandene ist jetzt bei Gott und regiert mit Gott die Welt für alle Menschen. Begeistert von Jesus als dem auferstandenen Christus ist Paulus unter großen Gefahren und Entbehrungen durch das römische Reich gereist. Zuerst  hat er gewöhnlich in den jüdischen Synagogen vom Messias Jesus gepredigt. Dann ist er zu den Heiden gegangen, um sie zu überzeugen von Jesus. Durch ihn wurde das Christentum zur Weltreligion. Historiker rechnen ihn nach Jesus und Mohammed zur einflussreichsten Person der Religions- Geschichte.</p>
<p>Wie konnte aus dem Saulus ein Paulus werden? Auf Grund seiner  jüdischen Herkunft hieß er Saulus, nach neuen Erkenntnissen als römischer Bürger gleichzeitig Paulus. Zuerst hatte für ihn als Pharisäer nur der erste Name Bedeutung. Als entschiedener jüdischer Theologe hat er die hellenistischen Juden-Christen als Ketzer und Abweichler verfolgt. Die Steinigung des Stephanus hat er als Zuschauer gesehen und hat sie sicher befürwortet.  Andere Christen hat er verfolgt und angezeigt, so dass sie gewöhnlich mit brutalen Stockhieben bestraft wurden.  Er war nach unserem Predigt-Text gegen Christus und die Christen ein Lästerer und Verfolger und Frevler. Plötzlich wurde er vor Damaskus von Jesus zum Apostel berufen. Darüber berichtet die Apostelgeschichte im neunten Kapitel sehr dramatisch und eindringlich. Paulus wird umleuchtet und stürzt. Er liegt im Staub- wie unter epileptischen Krämpfen.  Da hört er die Stimme Jesu:  Saul, warum verfolgst Du mich? Später sagt er von sich, dass er ein Zeuge höchster Offenbarungen und Visionen ist. Wie ein Prophet fühlt er sich berufen. Seine ganze Welt formte sich neu. Seine Erfahrung ist ganz neu in der Religionsgeschichte. Es entstand eine Welt der Gnade, Liebe , Barmherzigkeit. Es stürzte ein was war: eine Welt der unbarmherzigen Gerechtigkeit.  Danach wird er von Jesus zum Apostel eingesetzt.</p>
<p>Wie kann man diese gewaltige Änderung verstehen ? Dieses Erlebnis  zeigt die Macht Jesu, Fanatiker zu heilen und selig zu machen. Dabei muss man bedenken, dass Paulus vorher kein übler egoistischer, fieser, gemeiner und hinterhältiger  Sünder und Verbrecher war. Er war entschiedener Idealist für die jüdische Religion. Er meinte es nur gut. Seine Christenverfolgungen sollten nur weiteren ketzerischen Abfall von jüdischen Glauben verhindern. Dasselbe dachten übrigens umgekehrt auch viele Christen in der Kirchengeschichte, welche für uns ganz beschämend und unverzeihlich unzählige Juden verfolgt haben. Idealismus ist im Bereich der Religionen und Weltanschauungen sehr zweischneidig. Größter humaner Einsatz und größter Fanatismus liegen oft dicht beieinander. Viele Terroristen fühlen sich heute als Idealisten für eine gute Sache. Ein Glaube rechtfertigt bei dieser Gemütslage sogar ganz schlimme Verbrechen. Paulus muss in der Begegnung mit den ersten Christen gesehen haben, dass sie  ihren Idealismus mit Einsatz für Recht und Gesetz und Gebot  durch Jesus verbunden haben nicht mit Fanatismus, sondern mit barmherziger Liebe. Spätestens als Stephanus bei seiner Steinigung durch gesetzestreue Fanatiker betete, so wie Jesus am Kreuz: Gott, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!, muss Paulus als Zuschauer sehr nachdenklich geworden sein. In unserem Predigttext sagt er deswegen: Ich habe vorher unwissend im Unglauben gehandelt. Er hat zwar weiter Christen verfolgt und sie vor Gericht stellen lassen. Aber Jesus hat schon an seiner Seele gearbeitet.</p>
<p>Nach einer neuen Untersuchung und Statistik brauchen Mensch im Durchschnitt viereinhalb Jahre,  um sich zu Christus zu bekehren. Paulus ist schon nach etwa zwei Jahren vor Damaskus von Jesus berufen worden als „auserwähltes Werkzeug Christi für Heiden, Könige und das Volk Israel“ ( Apg  9,15 ). Ich weiß nicht, was Sie davon halten, wenn Psychologen etwas sagen zu den Hintergründen unserer Bekehrung. Über die Bekehrung des Paulus hat jetzt Rolf Kaufmann einfühlsames Buch geschrieben mit dem Titel: Die Krise des Tüchtigen. Paulus ist unbestritten zuerst ein Muster-Pharisäer. In vielem trifft er sich mit den Erfolgstheorien unserer Zeit, dass man vom Firmen-Leiter bis zum Pförtner sehr gewissenhaft und tüchtig sein muss. Paulus ist demnach nach Riemann und Schulz von Thun ein Ordnungs-Typ: Pflichtbewusst  kämpft er überall gegen Chaos und Unordnung und begünstigt Regeln, Pünktlichkeit, Gewissen und Ordnung.  Intellektuell zählt für ihn nur das klare Bewusstsein. Der Geist ist stark und das Fleisch ist ihm willig. Durch die Begegnung mit Jesus und seinen Anhängern gerät Paulus in eine erschütternde seelische Krise. Wie bei einer „midlife-crisis“ entdeckt er, dass er sich selbst verloren hat. Wie sagt der Volksmund – „außen fix, innen nix“. Jesus aber hilft Sündern und  Fanatikern ihren durch Einseitigkeit falschen Weg zu verlassen.  Er vereint das Getrennte. Jesus solidarisiert sich ja gerade zuerst mit den extrem Gescheiterten und Erfolglosen. Zachäus besucht er und schenkt ihm seine Freundschaft.  Den verlorenen Sohn nimmt er &#8211; wie sein Vater im Himmel &#8211; in seine Arme und lädt gleichzeitig den rechthaberischen älteren Bruder ein zum Freuden-Fest.  Als ein Freund von Zöllnern und Sündern und Sünderinnen und andererseits braven Pharisäern vereint er Ordnung und Freiheit, seelische Distanz und liebevolle Nähe. Er versöhnt unser Bewusstsein mit unserem Unbewussten, ein großes Selbstbewusstsein mit großer Demut.</p>
<p>In der Begegnung mit Jesus wird die einseitig bewusste und intellektuelle Seele des Paulus  plötzlich überschwemmt von warmer, barmherziger und fürsorglicher  Liebe. Paulus ist wie ein Mensch, der bisher nie verliebt war, und dann plötzlich seine große Liebe und sein dauerhaftes Glück findet.  Seine eigentliche Bekehrung beschreibt Paulus daher im ersten Brief an die Korinther im 13.Kapitel im sogenannten Hohelied der Liebe – „Wenn ich mit  Menschen und Engel-Zungen redete und hätte die Liebe nicht, wäre ich nichts“. Manchmal platzt er vor fast vor Glück, stammelt wie ein Verliebter und redet in Zungen (1.Kor 14,18 ).</p>
<p>Seinen ganz neuen Lebensstil als Christ und Missionar  beschreibt der erste Satz des Predigttextes so: Ich danke unserem Herrn Jesus Christus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt hat. Was aber war sein neues Amt? Er war total überwältigt, motiviert und angetrieben von der Liebe Jesu, die man sich nicht mit Gesetzeserfüllung verdienen muss.  Er war kein Träumer. Er wusste,  dass er für diese Liebe leiden und sein Kreuz tragen muss und kann mit Christus. Aber begeistert für diesen neue Erfahrung  wollte er alle Nichtjuden im ganzen römischen Reich als Neu-Christen gewinnen. Liebe macht erfinderisch. Nach Berger und Gleissner erfand Paulus mit genialer Liebe deswegen für seine Jesus-Mission die erfolgreichste  Marketingstrategie der Weltgeschichte. Sie gilt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auch heute optimal für Marketing und Mission. Wenn wir für den Glauben werben wollen, was ja heute dringend nötig ist, kann man nach Berger aus den sieben Schritten des Paulus entscheidendes lernen für die eigene Mission:</p>
<p>- Zwei Jahre nach seiner Berufung und erster Mission unter den Nabatäern trifft er sich in Jerusalem etwa 14 Tage lang mit dem „ ersten Papst“  Petrus, um ganz bewusst die Verbindung seiner neuen Heidenmission  mit der Urgemeinde zu bekräftigen – eine weltgeschichtliche Begegnung!  Petrus zeigt wahre Größe, als er seine Bedenken überwindet und der Heidenmission durch Paulus zustimmt. Vor allem beseitigt Petrus durch sein Vertrauen zu Paulus öffentlich die Angst vor dem ehemaligen Feind Saulus. Ohne diese Bestätigung wäre wahrscheinlich alles im Sande verlaufen.</p>
<p>- Wenig bekannt unter uns Christen ist, dass Paulus sechszehn Jahre lang (!) zunächst missioniert hat in Syrien und Kilikien. Er ist nicht gleich unerfahren nach Rom gegangen. Er hat offensichtlich sechszehn Jahre lang Erfahrungen gesammelt als Missionar an der Basis. Er sieht dabei, dass die über 600 Gebote des Alten Testaments, Beschneidung,  Speise- , Reinheits- und Sabbatgebote bei den Heiden mit anderer Kultur eine Bekehrung so gut wie unmöglich machen.  Deshalb übergeht diese Gebote. Das ist für ihn ohne Gewissens-Skrupel möglich, Denn wie er selbst erfahren hat, ist die Gesetzeserfüllung nicht mehr der Weg zum Heil, sondern nur der Glaube an Jesus.</p>
<p>- Die Glaubenssubstanz der Bibel, das heißt den Glauben an den einen Gott, den Schöpfer und Erhalter und Vollender der Welt, die Heilsgeschichte mit der Erst-Erwählung Israels und Glaube, Liebe und Hoffnung  aber macht er den Heiden sehr gut verständlich. Deshalb können sie damit leben.</p>
<p>- Durch dieses lange Praktikum und durch gute Missionserfolge bestätigt, erwirkt er beim Apostelkonvent im Jahre 48 in Jerusalem die allgemeine Anerkennung seiner Mission unter den Heiden.  Die damalige Kirchenleitung der inzwischen gewachsenen Gesamtkirche mit Petrus, Jakobus und Johannes stimmt ihm zu. Kleine Kompromisse erkennt Paulus an.</p>
<p>- Danach besucht er nach F. Gleissner nicht die „Bierzelte bei dörflichen Feuerwehrfesten“, „Er würde heute die nächsten Linienflüge nach Frankfurt, Berlin,  London, Paris oder New York nehmen“.</p>
<p>- Bald danach würde das Fernsehen von Studentenunruhen in seriösen Gegenden berichten. Damals geht Paulus tatsächlich  in die geistigen Hauptstädte der damaligen Welt, nach Philippi, Thessalonisch-Saloniki,  Athen, Korinth, Ephesus, Rom.  Gewöhnlich fängt er in den Synagogen an und provoziert einen öffentlichen Skandal.</p>
<p>- Danach diskutiert er mit den sogenannten Gottesfürchtigen und Intellektuellen und jeden Interessierten. Alle Menschen sollen von Jesus hören. Auch dadurch wurde das Christentum zur universalen Menschheitsreligion.</p>
<p>Schließlich geht es für uns darum, dass wir uns immer wieder von der Begeisterung des Paulus für Jesus anstecken lassen. Jesus befreit uns von skrupulösen Zwängen des Gesetzes und lebensfeindlich-einseitigem Idealismus.  Von Paulus können wir lernen, dass Jesus von Gott gekommen ist, um uns  Sünder durch seine Liebe zu retten. Von Paulus können wir uns anstecken lassen, unseren Glauben heute anderen weiterzusagen, weil Jesus das Heil ist für alle Menschen. Ganz gewiss hat nur  eine Welt mit Jesu Nächsten- und Feindesliebe eine Zukunft.  Deswegen lobt der Schlusssatz unseres Predigttextes Gott, dass er uns Jesus geschenkt hat. Und wir können Jesus loben, dass Jesus Paulus als Apostel für uns ehemalige Heiden berufen hat. Gott sei Ehre und Preis in Ewigkeit! – Das größte Missionsgebiet liegt übrigens vor unserer Tür. Nur noch 50 Prozent der Ex-Bundesbürger und nur noch 20 Prozent Ex-DDR Bürger sind Christen.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Kirche</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Jun 2010 13:25:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Heute Morgen möchte ich Sie ein zu einer Hausbesichtigung einladen. Das Gebäude, das wir besichtigen werden – es heißt „Kirche“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde!</p>
<p>Heute Morgen möchte ich Sie ein zu einer Hausbesichtigung einladen. Das Gebäude, das wir besichtigen werden – es heißt „Kirche“. Bei der Hausbesichtigung lassen wir uns leiten von einer Beschreibung im Epheserbrief. Hören wir also zunächst diese Beschreibung, bevor wir uns aufmachen und losgehen. Ich lese den Predigttext, Epheser 2,17-22, in der Übersetzung des Berner Neutestamentlers Ulrich Luz.</p>
<p>(Lesung des Predigttextes)</p>
<p>Eine Hausbesichtigung haben wir uns für heute Morgen vorgenommen. Das Gebäude, das es zu besichtigen gilt, heißt „Kirche“. Gehen wir also los und starten unsere Besichtigung!</p>
<h4>Fundamente</h4>
<p>Schauen wir zunächst ganz nach unten, auf die Fundamente. Wenn das Fundament nicht stabil ist, taugt das ganze Gebäude nichts. Und wenn die Grundmauern nicht klar gezogen sind, dann ist die Kontur des Gebäudes nicht erkennbar. Man weiß nicht, um was für ein Bauwerk es sich handelt. Schauen wir also auf das Fundament der Kirche. Die Kirche, so schreibt der Epheserbrief, ist „erbaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten“. Sie hat also ein festes Fundament &#8211; oder wie man auch übersetzen könnte: klare Grundmauern. Die Kirche steht auf dem Grund der Apostel und Propheten, das heißt: auf der biblischen Tradition. Sie gründet sich auf die Überlieferungen der Heiligen Schrift, so wie sie die Generation der Apostel und Propheten weitergegeben und aufgeschrieben hat. Die Kirche ist also in einem guten Sinn traditionsverhaftet. Sie verkauft kein Produkt, das sie den jeweiligen Marktbedingungen anpassen müsste. Die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott, die sie verkündet, ist ihr vor-gegeben. Deshalb sagt sie nicht heute dieses und morgen etwas völlig anderes. Sie verkündet den menschenfreundlichen Gott, für jede Generation neu, immer im Bezug zu den jeweiligen Lebensbedingungen und kulturellen Eigenheiten. Das ist ihr Auftrag seit Jahrhunderten. Das wird auch in Zukunft ihr Auftrag sein.</p>
<h4>Mauern</h4>
<p>Gehen wir einen Schritt weiter bei der Besichtigung. Schauen wir uns die Mauern an. Viele verschiedene Steine sind da zusammengefügt. Auch ihr, so schreibt der Epheserbrief, seid mit eingebaut in diese Mauern. Jeder und jede von uns also ist ein Stein in diesem Bauwerk. Schauen wir auf die vielen unterschiedlichen Steine, dann sehen wir, wie vielfältig die Kirche ist. Sie besteht keineswegs nur aus Pfarrerinnen und Pfarrern. Jeder Einzelne, der zur Kirche gehört, ist ein Stein im Ganzen. Wie ein buntes Mosaik fügen sich die verschiedenen Steine zu einem Ganzen zusammen. Kirche, das ist also auch: bunte Vielfalt. Da sind die verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen, und sie alle gehören zusammen. Erst gemeinsam bilden sie dieses Bauwerk, das „Kirche“ heißt. Einer allein kann nicht Kirche sein. Die Kirche ist eine Gemeinschaft.</p>
<h4>Schlussstein</h4>
<p>Gehen wir weiter bei unserer Besichtigung. Richten wir den Blick jetzt ganz nach oben. Der letzte Stein im Bogen ganz oben hält den ganzen Bau zusammen. Dieser Schlussstein ist der wichtigste. Wenn man ihn herausnimmt, fällt der ganze Bau zusammen. „Christus Jesus selbst“ ist „der Schlussstein“, so heißt es im Epheserbrief. In ihm wird „der ganze Bau zusammengefügt“. Jesus Christus hält also den ganzen Bau zusammen! Wäre er nicht – die vielen unterschiedlichen Steine würden auseinander fallen. Erst durch ihn werden all die Gegensätze zu einer Einheit! Er sorgt für Frieden zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen in der Kirche. Damals, als der Epheserbrief geschrieben wurde, bestand die Kirche aus zwei Gruppen, die von ihrer Kultur, ihrem Glauben und ihrer Lebensweise sehr unterschiedlich waren: Judenchristen und Heidenchristen. Menschen aus dem Volk Israel, die zum Glauben an Jesus gekommen waren, und Menschen aus dem weiten Römischen Reich mit seinen vielen Kulten und Kulturen, die früher einer heidnischen Religion angehört hatten. Aus beiden Gruppen sollte eine Einheit werden, obwohl sie einander fremd waren; obwohl es immer wieder Konflikte gab. Solche Einheit, so schreibt der Epheserbrief, gibt es nur in Christus. Nur er kann die unterschiedlichen Gruppen zusammenhalten. Nur er kann verhindern, dass der ganze Bau auseinander fällt. Nur im Blick auf ihn können Menschen, die sich fremd sind, Schritte aufeinander zu gehen.</p>
<p>Wie ist das bei uns heute? Auch bei uns in Inzlingen, auch bei uns in Deutschland gehören Menschen zur Kirche, die sich von ihrer Art zu leben und zu glauben fremd sind. Menschen gehören zur Kirche, die nie miteinander ihre Freizeit verbringen würden, weil ihre Interessen so unterschiedlich sind. Sie könnten sich nicht über die Musik einigen – J.S. Bach oder Dieter Bohlen? Nicht über die Beschäftigung: Heimwerken? Eine Ausstellung besuchen? Oder einfach nur „chillen“? Und all diese Menschen, die nie zusammen ihre Freizeit verbringen würden, die nie miteinander in Urlaub fahren würden – all diese Menschen sind Kirche! Wie können sie aufeinander Acht geben, aufeinander zugehen? Wie können sie voreinander Respekt haben, einander Raum gewähren – auch hier in unserer Lukaskirche? Der Epheserbrief sagt: Das geht nur in Christus. Im Vertrauen und mit dem Blick auf ihn erkenne ich in dem Menschen, der mir fremd ist, meinen Bruder, meine Schwester im Glauben. Deshalb ist der Schlussstein für die Kirche so wichtig. Ohne ihn würde der Bau auseinander fallen – auch heute noch!</p>
<h4>Baustelle</h4>
<p>Noch ein Stück weiter geht unsere Besichtigung. Wenn wir den Bau genau anschauen, merken wir: Er ist noch gar nicht fertig. Überall wird weiter gebaut. Fast könnte man sagen: Er ist eine ewige Baustelle. Der Bau wächst, so sagt es der Epheserbrief. Das heißt: Er ist immer noch im Werden. Er ist nicht fertig. Kirche ist im Werden, immer noch. Und sie muss es sein, wenn sie Kirche sein will! Wenn sie nicht mehr lebendig ist, wenn sie sich nicht weiterentwickelt, wird sie ihrem Auftrag nicht gerecht. Sie muss eine Baustelle sein. Wenn sie zum gemütlichen Wohnzimmer verkommt, ist sie keine Kirche mehr. Kirche muss wachsen, so schreibt der Epheserbrief, wachsen auf Christus hin. Die Baustelle ist also kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, dass in der Kirche irgendwie rumgewerkelt wird, nach dem Motto: Hauptsache Action! Die Kirche muss auf Christus hin wachsen. Das heißt: Bei allem, was sie tut und lässt, soll sie Christus im Blick haben.</p>
<h4>Bauherr</h4>
<p>Gehen wir noch einen letzten Schritt auf unserer Besichtigung. Dann begegnen wir dem Bauherrn. Er wohnt selbst in diesem Gebäude, obwohl es noch gar nicht fertig ist! Er ist schon eingezogen! Eine „Wohnung Gottes“ ist die Kirche, so schreibt der Epheserbrief. Was für eine wunderbare Verheißung: Unsere unfertige, unvollkommene Kirche ist Gott nicht zu schlecht um darin zu wohnen. Die Kirche ist Gottes Wohnung auf der Erde. Dieses Bild hat für mich eine doppelte Richtung. Zum einen heißt das für mich: Wo Kirche ist, da bin ich zu Hause. Da begegne ich dem Grund meines Lebens, da bin ich, wie es der Epheserbrief schreibt, kein Fremder mehr, sondern ein Mitbürger, ein Hausgenosse Gottes. Einer, der im tiefsten Sinn dazugehört. So sehr ich manchmal daran leide, wie unvollkommen und fehlerhaft die Kirche ist, ich bin hier zu Hause, trotz allem. Weil ich in der Kirche zu Gott finde. Und damit verbindet sich der zweite Gedanke zu diesem Bild: Wir alle, die wir zur Kirche gehören, haben eine große Verantwortung. Wenn die Menschen die Kirche sehen, sollen sie etwas von der Gegenwart Gottes spüren. Wir alle können und sollen mit dazu beitragen, dass das so ist. Dass die Kirche erkennbar wird als ein Ort, an dem es um Gott geht. Ein Ort, an dem ganz unterschiedliche Menschen etwas wie Geborgenheit und Heimat finden können. Ein Ort, an dem Gegensätze nicht bedrohlich erscheinen, sondern aufgehoben sind im Glauben an Christus.</p>
<p>Liebe Gemeinde, mit dem Blick auf den Bauherrn beenden wir unsere Hausbesichtigung. Die Kirche, so hat unsere Besichtigung gezeigt, ist ein ganz besonderer Bau. Lebendig und dynamisch und zugleich klar in ihrer Ausrichtung. Ein Ort der Einheit und der Vielfalt. Zugeben: Die Kirche, so wie wir sie in der Realität vorfinden, ist das nur zum Teil. Sie ist noch nicht das, was sie nach dem Epheserbrief eigentlich sein sollte. Aber trotzdem: Auch diese Kirche hat eine Verheißung: Sie birgt in all ihrer Unfertigkeit und Fehlerhaftigkeit ein Geheimnis, auch hier bei uns in Inzlingen: In ihr begegnen sich Gott und Mensch, Himmel und Erde. Sie ist der Ort, an dem wir zu Hause sind.</p>
<p>Amen.</p>
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		<title>Liebe</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 18:04:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Janssen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Predigten]]></category>

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		<description><![CDATA[Um die Liebe geht es in unserem heutigen Predigttext. Haben wir nicht eine Inflation des Wortes Liebe? Und dann noch dieser Text, werden vielleicht einige sagen, der diese Frage noch unterstützt. Nicht weniger als vierzehnmal ist hier von „lieb“, „lieben“ oder „Liebe“ die Rede. Und wie sieht die Wirklichkeit aus?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde!</p>
<h4>Liebe im Alltag nur eine Illusion?</h4>
<p>Um die Liebe geht es in unserem heutigen Predigttext. Haben wir nicht eine Inflation des Wortes Liebe? Und dann noch dieser Text, werden vielleicht einige sagen, der diese Frage noch unterstützt. Nicht weniger als vierzehnmal ist hier von „lieb“, „lieben“ oder „Liebe“ die Rede. Und wie sieht die Wirklichkeit aus? „Ich kann einfach nicht mehr lieben“, sagt mir eine Frau, die mehrere gescheiterte Ehen hinter sich hat. Oder ein Ehepaar erzählt mir seine Erfahrungen vom unbeschwerten Urlaub. Hier im Urlaub hatten wir Zeit füreinander, für das Leben, für die Liebe. Dann waren sie wieder zu Hause, und der Urlaub und die dort neu entflammte Liebe blieb auf der Strecke, konnte nicht in den Alltag hinübergerettet werden. Der alte Trott, die oft lieblose Welt, beherrschen unseren Alltag. Liebe, Nächstenliebe im Alltag, nur eine Illusion?</p>
<h4>Wir dürfen Gottes Liebe vertrauen</h4>
<p>Wie eine große symphonische Dichtung von Johannes Brahms oder Anton Dvorak wirkt auf mich diese kompositorische Durchdringung des Wortes „Liebe“ in unserem Predigttext aus dem 1. Johannesbrief. Wir dürfen der Liebe Gottes vertrauen und dankbar sein. Denn jeden Tag geschieht das Wunder, dass Gott seine Sonne über uns scheinen lässt. Der Verfasser des 1.Johannesbriefes, der diesen Brief am Ende des 1.Jahrhunderts geschrieben hat, ist überzeugt: Unsere Welt ist nicht gottverlassen, ob wir das glauben oder nicht. Wir sind beschenkte, über alles geliebte Menschen, die jeden Tag von Gutem umgeben sind, das wir nicht selber besorgt haben. In den Augen von lieben Menschen, in den Augen eines Kindes blickt mich eine Güte an, über die ich mich freuen darf. Die schenkende Liebe Gottes ist unter uns. Gott ist unser Vater, der uns über alles liebt. Auf die Frage im Religionsunterricht, wie wir uns Gott vorstellen, sagte mir einmal eine Schülerin jenen Spitzensatz aus dem 1. Johannesbrief: „Gott ist die Liebe.“</p>
<h4>Augen der Liebe</h4>
<p>Manchmal ist es wie bei dem alten Kinderspiel, das wir alle kennen: „Ich sehe was, was du nicht siehst&#8230;“. Liebe, die sehen wir nicht immer. Anders geht es uns mit den schönen Fenstern unserer Kirche, die uns das Leben Jesu deutlich machen wollen. Und manchmal geht es im Leben auch so: Der eine sieht&#8217;s, der andere nicht – so ähnlich wie bei den farbigen Suchbildern, die wir schon öfters im Kindergottesdienst eingesetzt haben: Die einen erkennen beim Hingucken sofort Formen und Figuren oder die biblische Geschichte, die dahinter steckt, andere haben keine Augen für solche Bilder, sie finden nichts Erkennbares darauf.  „Ich glaube nur, was ich sehe“, wer das meint, der ist meistens verblendet für neue Sichtweisen, festgefahren in der Meinung, dass von Gott, von Jesus doch nichts zu sehen ist.<br />
Dem zum Trotz nimmt uns der unbekannte Verfasser des 1.Johannesbriefes in sein Nachdenken über Gott und die Liebe mit hinein: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Also ihr Kinder und auch ihr Erwachsenen, in jedem Menschen ist ein Stück von der Liebe Gottes zu spüren, die man sehen und anfassen kann!  In jedem Menschen ist ein Stück von Gott zu sehen! Gerade in diesem Gottesdienst, in dem wir Johanna taufen,  heißt das für mich vor allem: Auch wenn hundertmal der Plan des menschlichen Erbgutes entschlüsselt ist, auch wenn hundertmal Wissenschaftler sich anmaßen, sie können Menschen klonen, in welcher Form auch immer „herstellen“, so bleibt all diesen menschlichen Überheblichkeiten zum Trotz das Entscheidende unseres Glaubens umso fester bestehen: Der Mensch empfängt sein Leben von Gott, aus der Hand des Schöpfers. Wer um diese Tatsache nicht weiß,  ja, wer keine Augen für das wirkliche Wunder neuen Lebens hat, wer blind ist für Gott und seine Liebe, der verbaut unserer Welt und den uns anvertrauten Menschen die Zukunft. Jedes Kind, das geboren wird, ist ein Brief der Liebe Gottes, in dem man die sichtbaren Wunder der Liebe Gottes zu uns Menschen, zu den Großen wie den Kleinen, nachlesen kann. Darum „lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“. Für unsere Welt ist es wichtig, dass Eltern da sind, die diese Liebe Gottes weitergeben, die  Augen haben für Gott und seine Liebe, und Hände, die sie mit ihren Kindern falten.</p>
<h4>Verändernde Liebe</h4>
<p>Im 1.Johannesbrief geht es zentral um Jesus, der uns Menschen mit seiner Liebe verändert hat, der uns gezeigt hat, wie Menschen diese Liebe weitergeben können ohne Furcht und Angst, sondern freudig und offen.  Wir brauchen uns also nicht mehr vor der scheinbar lieblosen Welt zu fürchten. Vielmehr dürfen wir dankbar sein. Wir dürfen Gott vertrauen und alles von ihm erwarten. Das führt schließlich dazu, dass wir  zu dankbaren Menschen werden, die Gott „lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt“, wie es im Evangelium des Sonntags heißt. Gott sei Dank, dass Gott die Liebe ist, die liebevolle Zuwendung, die nie aufhörende Güte und Barmherzigkeit. Er will, dass unser Leben gelingt.</p>
<p>Doch was bleibt von diesen Worten aus dem 1. Johannesbrief? So fragen wir, wenn wir nach dem Rücktritt unseres Bundespräsidenten Horst Köhler auf die Politik schauen, wenn wir angesichts der vielen politischen und wirtschaftlichen Krisen nicht nur in unserem Land, sondern auch in Europa uns nach einem liebevolleren Umgang mit Geld und Umwelt sehnen? Was bleibt?  Wenn wir fragen, was bleibt, dann sind wir manchmal wie gelähmt. Wir bekommen Angst, Furcht nennt es der Verfasser des 1.Johannesbriefes, denn wir spüren, wie uns alles zwischen den Fingern zerrinnt; wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Darum noch einmal die Frage: Was wird bleiben?  Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet! Einander lieben  in dieser Liebe Gottes, in seiner „agape“,  wie das griechische Wort für Liebe heißt, beieinander bleiben, darum geht es. Diese Liebe ist es, die uns bei allem was in unserem Land und in der Welt geschieht, verbindet und zusammenhält. Wenn wir in dieser Liebe bleiben, dann erleben wir, dass Menschen zusammenkommen im Namen Gottes, der der Urgrund der Liebe ist, der immer noch alle Fäden dieser Welt zusammenhält und bei dem alles zusammenläuft. Wenn wir einander lieben und beieinander bleiben, bleiben wir vor vielem bewahrt. Oder um es mit dem großen reformierten Theologen Karl Barth zu sagen (in: Karl Barth, Die Kirchliche Dogmatik. Registerband. Predigthilfen, Zürich 1970, 505): „So greift hier alles ineinander, so ruft hier eines nach dem anderen: die Liebe Gottes nach des Christen Liebe zu ihm, und beide miteinander nach der Liebe, in der sich die Christen gegenseitig lieben werden“.</p>
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